Verhältnisblödsinn

Der Begriff Autismus wurde 1911 vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (*1857, +1939) entwickelt. Autismus ist damit einer der vielen Begriffe, die die psychiatrische Terminologie Bleuler verdankt und die heute noch gebräuchlich sind, wenn sie auch, wie Autismus, in der Zwischenzeit eine genauere und teilweise veränderte Definition erfahren haben. Wie es häufig bei solchen Personen ist, die viel durch Neuschöpfungen zum Wortschatz beigetragen haben – da ging es Bleuler nicht viel anders als Philipp von Zesen mit seinen zahlreichen Eindeutschungen – so bleiben einige dieser Wörter mehr oder weniger auf der Strecke oder erreichen zumindest nicht die grosse Bekanntheit, wie andere.

Verhältnisblödsinn
Die Fähigkeit, viele und wohltönende Worte zu finden, hinter denen kein echtes Wissen steckt, charakterisiert vor allen Dingen den oberflächlichen, viel redenden, auf Gesellschaften brillierenden Schwachkopf, für dessen Struktur Bleuler die Bezeichnung „Verhältnisblödsinn“ in die Psychiatrie eingeführt hat. Diese Bezeichnung bedeutet, daß jemand zwar nicht klinisch schwachsinnig oder manifest dumm ist, gemessen am Durchschnitt der Bevölkerung, daß er aber im Verhältnis zu der Stellung, die er einzunehmen trachtet, nicht die nötigen intellektuellen Voraussetzungen mitbringt. Es kommt bei diesen Leuten, die über eine gewisse Wendigkeit und Fixigkeit im Phrasendreschen verfügen, zu einem Wortschwall, dessen Leere sich erst im Laufe eines längeren Gesprächs oder dann, wenn man ihnen dialektisch auf den Leib rückt, offenbart. Heinrich Heine hat einen solchen Menschen mit dem Ausspruch charakterisiert: „Er sprudelte vor Dummheit“.
(aus: Über die Dummheit : Ursachen und Wirkungen der intellektuellen Minderleistung des Menschen / Horst Geyer. –  Göttingen : Muster-Schmidt, 1954)
(zitiert nach: http://www.physiologus.de/v/verhaelt-bl.htm)

Jemanden, bei dem sich Verhältnisblödsinn zeigt, würde man also heutzutage vielleicht eher als Dampfplauderer bezeichnen.

Eine etwas abweichende Definition findet man übrigens im Klinischen Wörterbuch von Otto Dornblüth aus dem Jahre 1927 – jenes Wörterbuch, das mit seinen Auflagen ab 1931 von Willibald Pschyrembel betreut wurde und daher heute vorwiegend als der Pschyrembel bekannt ist:

Meist angeborene Ungleichheit der geistigen Fähigkeiten, gewöhnlich so, daß dem überstarken Affekt- und Triebleben der Verstand nicht gewachsen ist. Etwa = Dégénérés supérieurs, Psychasthenie.
(Quelle: http://www.textlog.de/37101.html)

 

Charaktere entsprechend der ersten Definition waren auch schon in frühchristlich-neutestamentarischer Zeit bekannt, wie man im Zweiten Brief an die Tessalonicher lesen kann.

3.11   Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten.

Bei Fridolin Stier, dessen Übersetzung des Neuen Testaments sprachlich näher am Original ist, als oben die Einheitsübersetzung, lautet dieser Satz folgendermassen:

3.11   Wir hören nämlich von solchen unter euch, die als Müßiggänger den Weg gehen – nichtstuerisch, nur wichtigtuerisch.

Womit der Apostel Paulus (da seine Urheberschaft von einigen Exegeten angezweifelt wird vielleicht auch nicht er, sondern ein Zeitgenosse) dann doch deutlich auch, aber nicht nur Verhältnisblödsinn ankreidet.

Der bekannteste Satz aus dem Zweiten Brief an die Tessalonicher findet sich übrigens direkt davor: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ (Einheitsübersetzung) / „Wer sein Werk nicht tun will, soll auch nicht essen“ (Stier). Allzugerne wird er aus dem Zusammenhang gerissen und mich beschleicht der Eindruck, diejenigen, die in derart zusammenhanglos zitieren und ihm oftmals auch eine andere Bedeutung geben, sind diejenigen, die im Satz darauf erwähnt sind. Leider wurde jedoch unter Verwendung dieses Satzes durch Verhältnisblödsinn schon sehr viel zerstört.

 

Oftmals scheint Verhältnisblödsinn im Zusammenhang mit Autismus aufzutauchen, allerdings üblicherweise nicht als Komorbidität bei Autisten selbst. Beispiele für diese Art von Verhältnisblödsinn können sicherlich viele Autisten erzählen. Gesammelt werden sie dann u.a. in der Facebook-Gruppe „Die Top 100 der dümmsten Sprüche von Fachleuten über Autismus„. Der Name sagt denn auch unmissverständlich aus, wer genau an Verhältnisblödsinn leidet (hm, leiden diese Personen daran?). Nämlich vermeintliche Fachleute, die sich sicherlich sehr gut in ihre berufliche Position bringen konnten, wobei dies weniger aufgrund von tatsächlich vorhandenem Fachwissen und den damit verbundenen notwendigen intellektuellen Fähigkeiten erfolgte. In diesen beruflichen Positionen kommen sie dann mit allseits bekannten Sprüchen gegenüber Autisten an:

  • Sie leben in einer Beziehung? Dann können Sie kein Autist sein.
  • Sie haben einen höheren Schulabschluss / studiert? Dann..
  • Sie…

 

Dieser Sorte Fachleute sei mit den Worten aus dem Zweiten Brief an die Tessalonicher gesagt (Einheitsübersetzung):

3.12   Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen.

Also: Wenn Ihr nur Unsinn daherschwafeln könnt, dann ist Euer in der Arbeit mit Autisten vedientes Brot kein ehrlich verdientes Brot. Sucht Euch lieber eine andere Arbeit, die Euren intellektuellen Fähigkeiten entspricht. Denn, so wie Autismus nicht heilbar ist, scheint es mit Eurem Verhältnisblödsinn nämlich auch zu sein.

 

Übrigens: Einen ganz besonders schweren Fall von Verhältnisblödsinn schreibe ich einem Psychiater zu, der, als ich 9 Jahre alt war (1981), nach drei Sitzungen mit mir aufgab, jedoch nicht zugeben wollte, dass er fachlich überfordert war, und zu meiner Mutter daher sagte, bei mir liege „Gehirnrheuma“ vor.

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Pro-Life

„Lebensrechtler“ oder auch „Lebensschützer“, im englischen Sprachraum „Pro-Life“, das sind Personen, die sich öffentlich vehement gegen jegliche Form von Abtreibung aussprechen und dies vorwiegend aus ihrem christlichen Glauben heraus. Unter diesen Personen findet man Vertreter der verschiedensten christlichen Konfessionen, auch Katholiken.

 

Sie stehen mit dieser Haltung vollkommen im Einklang mit der Lehre der römisch-katholischen Kirche.

Im Katechismus der Katholischen Kirche ist zu lesen:
„2270 Das menschliche Leben ist vom Augenblick der Empfängnis an absolut zu achten und zu schützen. Schon im ersten Augenblick seines Daseins sind dem menschlichen Wesen die Rechte der Person zuzuerkennen, darunter das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Wesens auf das Leben […]
2271 Seit dem ersten Jahrhundert hat die Kirche es für moralisch verwerflich erklärt, eine Abtreibung herbeizuführen. Diese Lehre hat sich nicht geändert und ist unveränderlich. Eine direkte, das heißt eine als Ziel oder Mittel gewollte, Abtreibung stellt ein schweres Vergehen gegen das sittliche Gesetz dar […]
2272 Die formelle Mitwirkung an einer Abtreibung ist ein schweres Vergehen. Die Kirche ahndet dieses Vergehen gegen das menschliche Leben mit der Kirchenstrafe der Exkommunikation. „Wer eine Abtreibung vornimmt, zieht sich mit erfolgter Ausführung die Tatstrafe der Exkommunikation zu“ (CIC, can. 1398), „so daß sie von selbst durch Begehen der Straftat eintritt“ (CIC, can. 1314) unter den im Recht vorgesehenen Bedingungen [Vgl. CIC, cann. 1323-1324.]. Die Kirche will dadurch die Barmherzigkeit nicht einengen; sie zeigt aber mit Nachdruck die Schwere des begangenen Verbrechens und den nicht wieder gutzumachenden Schaden auf, der dem unschuldig getöteten Kind, seinen Eltern und der ganzen Gesellschaft angetan wird.“

Auch Papst Franziskus hat in den vergangen Jahren wiederholt deutliche Worte gegen die Abtreibung gefunden.
Beispielsweise zum Ende des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit im November 2016 in einem Fernsehinterview:
„Papst Franziskus hat Abtreibung als „grauenhaftes Verbrechen“ bezeichnet. Aus seiner Sicht sei es zu einer „Gewohnheit“ geworden, „Babys vor ihrer Geburt zu entfernen“, sagte Franziskus in einem am Sonntag ausgestrahlten Interview des italienischen Senders TV 2000. Ungeborene Kinder würden abgetrieben, „weil es einfacher ist“. Das sei eine „sehr schwerwiegende Sünde“, so der Papst.“)
Das ganze Fernsehinterview kann, allerdings zum derzeitigen Zeitpunkt (26.11.2017) nur mit italienischen Untertiteln, unter folgendem Link angesehen werden: https://www.youtube.com/watch?v=JDy5mquSKyw

Ebenso fand er in einem Grusswort zur österreichischen „Pro Life Tour“ im Sommer 2017 sehr deutliche Worte, indem er Abtreibung wiederholt als „ein Verbrechen, ein absolutes Übel“ – unter Rückgriff auf ein früheres Interview, auf das ich weiter unten eingehe – bezeichnete. In diesem Jahr fand in Österreich eine Wanderung von Graz nach Wien statt. Und: „Besonderes Augenmerk liegt dieses Jahr auf Babys mit Behinderung; explizit abgelehnt wird die in Österreich gesetzlich mögliche und zugleich umstrittene Spätabtreibung bis zur Geburt. Laut Myroslava Mashkarynets, Pressesprecherin von „Jugend für das Leben“, werden dadurch neun von zehn Kindern mit Downsyndrom „ausgesondert“.“

Und genau da – auch wenn es derzeit vorwiegend am Down-Syndrom festgemacht wird, so betrifft es alle Behinderungen – liegt der Punkt, an dem man Menschen, denen es tatsächlich am Lebensschutz gelegen ist, unterscheiden kann von denen, die sich selbst nur als solche inszenieren.

 

Eine der weltweit bekanntesten Personen unter denen, die sich selbst gerne als Vertreter von Pro-Life darstellen, ist Donald J. Trump.

Als Donald J. Trump am 8. November 2016 die Präsidentschaftswahlen in den USA gewann, war die Freude bei vielen Lebensrechtlern gross, dass einer aus vermeintlich ihren Reihen dieses Amt innehaben wird. Genauso enthusiastisch wurde u.a. begrüsst, als Donald J. Trump nach seinem Amtsantritt die sogenannte Mexico City Policy wieder einführte, die kurz beschrieben besagt, dass es durch die USA keine finanzielle Unterstützung für Hilfsorganisationen gibt, die in Entwicklungsländern auch nur über die Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen informieren. Personalentscheidungen, die vordergründige Vertreter von Pro-Life in hohe Positionen brachten, wurden auch von Lebensrechtlern im deutschsprachigen Raum sehr positiv aufgenommen. Dies führte aber auch dazu, dass seither im deutschsprachigen Raum Donald J. Trump durch Lebensrechtler vehement verteidigt wird, egal, ob seine durchgeführten Aktionen aber auch Fehler und Pannen im Zusammenhang mit Pro-Life stehen oder nicht.

Am 31. März 2017 erliess Donald Trump in seiner Funktion als Präsident der USA eine offizielle Proklamation:
„NOW, THEREFORE, I, Donald J. Trump, President of the United States of America, by virtue of the authority vested in me by the Constitution and the laws of the United States, do hereby proclaim Sunday, April 2, 2017, as World Autism Awareness Day. I invite all Americans to Light it Up Blue, which Melania and I will do at the White House.“

Wobei die Proklamation an sich schon übertrieben ist. Einmal kann das Staatsoberhaupt einer einzigen Nation schlecht einen Welttag verkünden, denn es regiert ja nicht die ganze Welt. Vor allem jedoch wurde der „World Autism Awareness Day“ schon 2007, also zehn Jahre früher, durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen auf den 2. April festgelegt. Und auch die Aktion „Light It Up Blue“ ist im Jahre 2017 nicht neu gewesen. In den vergangenen Jahren haben sich diverse Organisationen daran beteiligt, darunter auch aus dem Bereich Pro-Life. So im Falle der Organisation „I am Pro-Life“ auf Facebook.

I am Pro Life Light Blue
(Quelle: https://www.facebook.com/focusonlife/posts/909389005750722)

Das klingt ja anscheinend erstmal nicht schlecht, „Awareness“, also Bewusstsein für etwas zu fördern und dafür dann Gebäude mit einem blauen Licht anzustrahlen. Wem sollte so etwas schaden? Auch wenn nicht ursprünglich durch die Organisation Autism Speaks begründet, so hat sich Autism Speaks die Veranstaltung „Light It Up Blue“ innert kürzester Zeit zu eigen gemacht, so dass „Light It Up Blue“ heutzutage de facto eine Autism-Speaks-Veranstaltung ist.

Donald J. Trump sieht sich der Organisation Autism Speaks und deren Gründerehepaar Bob und Suzanne Wright verbunden. Bekannt ist sein Tweet vom 13. März 2013:

Autism Speaks Trump

(Quelle: https://twitter.com/realdonaldtrump/status/311849772891926529?lang=de)

 

Und was ist so schlecht daran, Bewusstsein für Autismus zu verbreiten? Na ja, Bewusstsein in dem Sinne, in dem Autism Speaks und deren Gründerehepaar Bob und Suzanne Wright Autismus verstehen!

„Autismus wird hier als unsichtbare Bedrohung beschrieben die glückliche Ehen scheitern lässt, Familien zerstört, Menschen die Sprache raubt und, das entbehrt nicht eines gewissen Sarkasmus betrachtet man sich wie hier Geld mit Autismus gemacht werden soll, Menschen in die Armut stürzt.“

„So verglich Suzanne Wright Autisten in ihrer Rede im Vatikan indirekt mit Leprakranken. In von Autism Speaks in Auftrag gegebenen Werbefilmen und Dokumentationen weist die Organisation immer wieder auf die angeblich zerstörerische Wirkung von Autismus auf die Familien autistischer Kinder hin. Für die Darstellung von Autisten selbst greift man gerne auf die alten irisch-keltischen Feensagen zurück und nennt Autisten „gestohlene Kinder“, also Kinder, die von nichtmenschlichen Wesen gegen ein seelenloses Scheinkind ausgetauscht werden, oder behauptet, diese seien, ähnlich wie Wachkomapatienten, in ihren eigenen Körpern eingesperrt.“

Wenn also, wie oben im Screenshot der Organisation I am Pro-Life, davon die Rede ist „show your support for the loved ones with autism“ und „change the future for all who struggle with autism spectrum disorder“, dann sind nach der hier zum Tragen kommenden übernommenen Ideologie von Autism Speaks diejenigen „with autism“ und „who struggle“ die Angehörigen.

 

Ich selbst habe meinen allerersten Beitrag auf diesem Blog über Autism Speaks verfasst und auch zu dem Stellung genommen, was „im Vatikan“ (sieh oben) im November 2014 durch die beiden Wrights für ein perfides Spiel getrieben wurde. Dabei habe ich auch klar gemacht, was neben der „Awareness“ das vordringliche Anliegen von Autism Speaks ist:

„Autims Speaks fördert Gentechnik, Gentechnik führt zu Pränataldiagnostik, Pränataldiagnotisk führt zu Abtreibungen. Und Abtreibung ist aus Sicht der römisch-katholischen Kirche Mord! Nicht mehr und nicht weniger.“

Natürlich weiss man gerade in den USA, was sich hinter der Organisation Autism Speaks verbirgt. Es gibt genügend Personen und Medien, die über diese Organisation aufklären, wenn auch nicht jeder Beitrag explizit die geplante pränatale Euthanasie direkt anspricht. Hier gilt definitiv: man weiss es, es sei denn, man will es nicht wissen. Aus reiner Bequemlichkeit sich nicht informieren, das kann als Entschuldigung nicht gelten.

„“Autism Speaks”- but Should Everyone Listen? “We don’t want to be talked about as an epidemic or crisis to be combatted,” says Ari Ne’eman, president of the Autistics Self-Advocacy Network. “They view the goal of autism advocacy as a world in which autistic people do not exist. We think we should create a world where autistic people are included and can have a good quality of life.”“

„7 Reasons To Not Support Autism Speaks Since Autism Speaks‘ conception, prenatal testing has been developed for Down syndrome and has caused a decreasing rate of Down syndrome births, despite many families reflecting positively on the experience of raising a child with Down syndrome, proving that this research has the potential to have a dramatic negative impact on the autistic community. Ignoring the cries from the community to remove this from their mission statement, on top of the research surrounding Down syndrome, proves that Autism Speaks is, at worst, apathetic to the possibility of eliminating the community and at best, out of touch with the community’s desires.“

„Why I am Against Autism Speaks (and you should be, too) Much of Autism Speaks’ money goes toward research, and much of that research centers on finding a way to eliminate autism, and thus, autistics (which will likely be done through a prenatal test, in the same way that the Down’s Syndrome test is conducted).“

„Autism Speaks – hate speech and eugenics The majority of reputable research indicates that autism is genetic, caused by either inherited genes or by new mutations that happen in gametes or newly forming embryos. What does this mean for an autism “cure”? Well, it means it won’t be a cure, it’ll be prevention in the form of prenatal testing and encouraging parents to terminate pregnancies that might result in autistic children. I’m pretty pro-choice, if you don’t want a baby, don’t have one, but I take a huge issue with encouraging the termination of intended pregnancies on the grounds that you’ll get someone with a neurotype you didn’t want. Wiping out a group of people by stopping them from being born is called genocide.“

Und das macht selbstverständlich Autisten wütend, dass sich eine solche Organisation als Wohltätigkeitsorgansiation darstellt.
„Your Awareness wants me dead. Look me in the eye. Tell me that my mother should have aborted me or that I literally shouldn’t exist. Tell me that I’m a burden or that my life isn’t worth living. Oh wait, you already have. Because by saying your child/grandson/nephew is a burden? You’re saying I am one by proxy. “Oh, you are not like my child” when we were once your child. Contrary to popular belief, autistic children become autistic adults. I know, right?“

Und auch im deutschsprachigen Raum klären Autisten über Autism Speaks und „Light It Up Blue“ auf.

Und da ist das, was mich ankotzt: Da sind Personen, die sich selbst prominent als Pro-Life herausstellen, wie Donald J. Trump, und dafür als Ikonen der Pro-Life-Bewegung gelten. Sie unterstützen eine Organisation, deren Ziel es ist, die Gensequenzen für Autismus ausfindig zu machen. Sollte dies eines Tages möglich sein, dann werden aufgrund der pränatalen Diagnostik die Zahlen der Abtreibungen steigen. So, wie es jetzt schon beim Down-Syndrom der Fall ist. Und genau so, wie es momentan beim Down-Syndrom der Fall ist, kann die Pro-Life-Bewegung dann später eine Kampagne führen, in der sie darauf verweist, wie schlimm es doch sei, dass autistische Menschen vor ihrer Geburt abgetrieben werden. Das ist hochgradig perfide! Massgebliche Vertreter der Pro-Life-Bewegung unterstützen etwas, das sie dann später anprangern können, auf Kosten der ungeborenen Kinder, die sie eigentlich vorgeben schützen und für deren Rechte eintreten zu wollen.

 

Es gibt keine Entschuldigung, denn das, was durch Autism Speaks und deren hochrangige Vertreter geplant wird, was auch Pro-Life-Vertreter unterstützen, ist Euthanasie!

Wie Euthanasie nach der Lehre der röm.-kath. Kirche zu bewerten ist, auch dies geht klar aus dem Katechismus hervor:

„2277 Die direkte Euthanasie besteht darin, daß man aus welchen Gründen und mit welchen Mitteln auch immer dem Leben behinderter, kranker oder sterbender Menschen ein Ende setzt. Sie ist sittlich unannehmbar.“

Nachdem, wie weiter oben ausgeführt, Abtreibung ein „schweres Vergehen“ darstellt und Euthanasie „sittlich unanahmbar“ ist, sollte eigentlich klar sein, dass man Organisationen, die dieses Ziel anstreben, sowie deren Aktionen auf keinen Fall unterstützen sollte. Für viele, die sich als Pro-Life ausgeben, ist dies jedoch anscheinend kein Widerspruch. Diejenigen, die das tun, sind jedoch nicht Pro-Life. Sie sind knallharte Eugeniker, für die nur das Leben schützenswert ist, das sie selbst als schützenswert ansehen.

Leider geht es sogar so weit, dass u.a. selbst eine katholische Ordensgemeinschaft – die Österreichische Provinz der Barmherzigen Brüder vom hl. Johannes von Gott – das zu ihrem Krankenhaus gehörendes Autismuskompetenzzentrum wiederholt am 2. April Blau beleuchtet hat: https://www.caritas-linz.at/aktuell/news/detailansicht/news/74089-aktion-light-it-up-blue-zum-weltautismustag-am-2-april/
Ein katholische Ordensgemeinschaft, die geplante pränatale Euthanasie propagandiert? Wer ein Autismuskompetenzzentrum betreibt, also Autismus-Experten beschäftigt, der sollte eigentlich wissen, was sich hinter „Light It Up Blue“ und Autism Speaks verbirgt. Oder aber die fachliche Kompetenz ist fragwürdig. Ich gehe hier eher von letzterem aus.

Inzwischen existieren denn auch klare Gegenbewegungen zu „Light It Up Blue“, die explizit das Blau vermeiden.

Eine davon ist die #WalkInRed-Kampagne: „During the month of April, many people will be #LIUB (or Lighting it Up Blue) with the intention of promoting „awareness“ only to raise money for the notorious hate group Autism Speaks – many people want to be helpful and supportive, but are, ironically, unaware. By spreading #redINSTEAD you can share the message that there should be #NothingAboutUsWithoutUs!“

Eine andere war beim London Eye, dem grossen Riesenrad der britischen Hauptstadt, ersichtlich. Dies leuchtete anstelle Blau in Pink auf, da zwei Pink-Töne das Logo der britischen National Autistic Society dominieren: „Following some valued feedback from individuals and after consulting the National Autistic Society (NAS), the London Eye will now be lighting up pink on Sunday, one of the colours of the NAS. We always strive to help as many charities as possible raise awareness for various causes with light changes, from our annual involvement in Remembrance Sunday to Pride in London and WWF’s Earth Hour, and we are looking forward to doing the same for World Autism Awareness Day.“

Will man also am 2. April anlässlich des World Autism Awareness Days ein Gebäude, Naturdenkmal etc. beleuchten, so gibt es durchaus Alternativen zu „Light It Up Blue“ von Autism Speaks und der dadurch erfolgenden Unterstützung für geplante pränatale Euthanasie.

 

Eigentlich wäre das ja an sich schon ausreichend, die ganze Pro-Life-Bewegung, vor allem in den USA, deutlich zu hinterfragen.

Und es sollte Grund genug für Lebensrechtler im deutschsprachigen Raum sein, Donald J. Trump nicht mehr als den herausragenden Gleichgesinnten anzusehen – es sei denn, man will darin gleichgesinnt sein, geplante Euthanasie zu unterstützen. Es ist eine Entscheidung zwischen dem tatsächlichen Lebensschutz und der Eugenik.

Und: Nein, es reicht nicht, ein Plakt herumzutragen, auf dem steht: „Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“ (http://www.marsch-fuer-das-leben.de/media/marsch_2017_photo_an_7863.jpg). Das ist keine ausreichende und klare Distanzierung von „Light It Up Blue“, Autism Speaks und denen, die diese Organisation so massiv unterstützen!

 

Leider ist das noch nicht alles.

 

„Nothing was more controversial than the theory that vaccines could be causing autism, though several studies showed no connection. Yet, Autism Speaks kept funding research evaluating a possible link. By 2009, it first chief executive had enough. Alison Singer, the mother of a daughter with autism, resigned from the charity. Her departure was precipitated by her decision as an IACC member to vote against more funding for studies on vaccine safety. “We had a disagreement about scientific research,” Singer tells The Daily Beast. “[Autism Speaks] felt in their heart vaccines were the cause, despite dozens of studies. When you start talking about what you believe and not what data shows, you’re talking about religion and not science.”“

Man sieht, auch beim Thema Impfungen hat Autism Speaks seine Finger drin.

Und, wie vielen bekannt sein sollte, ist auch Donald J. Trump unter denen zu finden, die der Ansicht sind, Impfungen würden bei einer vorhandenen genetischen Prädisposition für Autismus als Auslöser dienen.

Trump vaccines

(Quelle: https://twitter.com/realdonaldtrump/status/449525268529815552?lang=de)

 

Es sollte eigentlich klar sein, trotzdem hier noch der Hintergrund in Kurzform:
Der britische Arzt Andrew Wakefield veröffentliche 1998 in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ das Ergebnis einer Untersuchung an 12 Kindern. Er stellte die Behauptung auf, der kombinierte Dreifach-Impfstoff für Maser, Mumps und Röteln (MMR) würde möglicherweise Autismus auslösen und man sollte daher stattdessen zu Einzelimpfstoffen wechseln. Später stellte sich heraus, dass Andrew Wakefield geschmiert wurde, von Anwälten, die eine fingierte Verbindung des MMR-Impfstoffs zu Autismus veröffentlicht haben wollten. Inzwischen wurde mehrfach erwiesen, dass kein Zusammenhang besteht. „The Lancet“ zog 2010 den Artikel aus dem Jahr 1998 zurück. Andrew Wakefield verlor im gleichen Jahr seine Zulassung als Arzt in Grossbritannien, lebte und praktizierte aber seit 2001 sowieso in den USA. 2016 betätigte er sich als Filmemacher und erstellte den umstrittenen Film „Vaxxed : from cover-up to catastrophe“, zudem traf er sich im Wahlkampf mit Donald J. Trump.

Für die Gruppe der sogenannten Impfgegner ist Wakefields Fälschung jedoch weiterhin valide, der Entzug der Zulassung als Arzt geht auf den Druck von „Big Pharma“ zurück (für die angeblich der MMR-Impfstoff, der tatsächlich kaum Gewinne einbringt, sehr viel Geld macht) und der Vaxxed-Film eine Dokumentation einer unterdrückten Wahrheit. Obwohl viele wissenschaftliche Untersuchungen deutlich klargelegt haben, dass absolut kein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus bestehen. Das hindert Andrew Wakefield und die mit ihm verbundenen Impfgegner jedoch nicht daran, weiterhin, mal mit mehr, mal mit weniger subtilen Mitteln, Zweifel zu streuen.

Ich bin in dieser Hinsicht genauso verärgert, wie es viele andere Autisten sind:
„Die Inszenierung dieser widerlegten, unwissenschaftlichen Impf-Intrige hat noch eine weitere abstoßende Seite. Für Wakefield und somit auch für seine Produktion scheint Autismus das Schlimmste zu sein, was der Menschheit zustoßen kann. Eine Epidemie, gegen die wir wehrlos sind, ein grenzenloses Leiden. Damit stigmatisiert und diskriminiert er sehenden Auges etwa 1% der Menschheit. Bei einer Weltbevölkerung von rund 7,47 Milliarden Menschen sind das nicht gerade wenige. Doch auch die Eltern autistischer Kinder werden von ihm stigmatisiert. Sie haben einer Impfung zugestimmt und sind so – Wakefield zufolge – Schuld am Autismus ihrer Kinder.“

 

Verständlicherweise lasse ich mich nicht gerne stigmatisieren und de facto als Impfschaden bezeichnen.

Auch nicht durch die Pro-Life-Bewegung.

Alexandra Maria Linder ist seit 1992 Mitglied der Aktion Lebensrecht für Alle e.V. (ALfA), wurde später Mitglied im Bundesvorstand und ist seit 2016 Bundesvorsitzende. Zudem ist sie seit 2017 Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht e.V. Als Dachverband, dem u.a. die Aktion Lebensrecht für Alle e.V. angehört, organisiert der Bundesverband Lebensrecht den seit 2002 stattfindenen „Marsch für das Leben“ in Berlin.

Für die Zeitschrift „Lebensforum : Zeitschrift der Aktion Lebensrecht für Alle e.V. (ALfA)“, Heft Nr. 113, erschienen 2015, verfasste Alexandra Maria Linder den Beitrag „Das Impfdilemma“, in dem es vorwiegend um die Thematik der Herstellung von Impfstoffen aus Zellen abgetriebener Kinder geht. Dort schreibt die Autorin: „Es mehren sich Stimmen, die vor schweren Nebenwirkungen bis hin zu autistischen Erkrankungen warnen, welche möglicherweise durch Impfungen, vor allem die starken Mehrfachimpfungen (gegen fünf Krankheiten gleichzeitig), ausgelöst werden könnten. Von Impfbefürwortern zum Teil als Spinner oder Ideologen abgetan, findet man bei Recherchen bedenkenswerte Krankheitsfälle und wissenschaftliche Hinweise, die ernst zu nehmen und zu erforschen angebracht wäre.“

Lebensforum Linder Autismus

Auf die unsägliche Formulierung „autistische Erkrankungen“ gehe ich nicht genauer ein, da dies den Rahmen sprengen würde. Es reichen zwei Links zu entsprechenden Blogbeiträgen:
1) „Ich bin nicht krank, ich bin Autistin“ (https://innerwelt.wordpress.com/2013/07/06/ich-bin-nicht-krank-ich-bin-autistin/)
2) „Autismus ist keine Krankheit, sondern eine Behinderung.“(https://butterblumenland.wordpress.com/2016/08/12/sehr-geehrte-frau-netrebko/)

Die Autorin gebraucht in ihrem Beitrag Formulierungen, mit denen üblicherweise die Anhänger Andrew Wakefields Zweifel streuen wollen. Sie spricht zudem von „wissenschaftlichen Hinweise“, die sie nicht konkret benennt und die sich mit Sicherheit bei genauerer Hinsicht als pseudowissenschaftlich oder fingiert herausstellen. Auch wenn sie sich in diesem Artikel nicht explizit gegen Impfungen ausspricht, so hat sie mit diesen Worten doch deutlich eine rote Linie überschritten.

Noch schlimmer agieren fundamentalistische Gruppierungen wie das Christoferuswerk in Münster: „Autismus durch Impfstoffe aus den fetalen Zell-Linien abgetriebener Kinder?“ In diesem von einer Dr. Edith Breburda verfassten Text findet sich eine ganze Bandbreite an Verunglimpfungen und Stigmatisierungen. Wie bei Autism Speaks so ist auch in diesem Beitrag von einer Epidemie die Rede, zudem wird unkritisch auf Andrew Wakefield verwiesen.

 

Am 17. Februar 2016 stand Papst Franziskus auf dem Rückflug von Mexiko Journalisten Rede und Antwort. Aus dieser Pressekonferenz stammt eine Formulierung, die seither gerne von Anhängern der Lebensrechtsbewegung zitiert wird, beispielsweise im Internet durch ein Meme von kath.net:

„Die Abtreibung ist nicht das kleinere Übel, es ist ein Verbrechen. Es ist ein Verbrechen, es ist das absolute Böse.“

Vollständig lautet die Passage im Interview:
„[Spanische Journalistin:] Heiliger Vater, seit einigen Wochen herrscht in vielen lateinamerikanischen Ländern, aber auch in Europa, große Sorge wegen des „Zika-Virus“. Das größte Risiko soll für schwangere Frauen bestehen, da gibt es Angst. Einige offizielle Stellen haben vorgeschlagen, Abtreibungen durchzuführen oder Schwangerschaften zu vermeiden. Kann die Kirche in diesem Fall die Auffassung des „geringeren Übels“ in Betracht ziehen? – Papst Franziskus: Abtreibung ist nicht ein „geringeres Übel“, es ist ein Verbrechen. Es heißt, einen aus dem Weg zu räumen, um einen anderen zu retten. Das ist das, was die Mafia tut. Abtreibung ist ein Verbrechen, ein absolutes Übel. Hinsichtlich des „geringeren Übels“: eine Schwangerschaft zu vermeiden ist ein Fall – wir sprechen von einem Konflikt zwischen dem fünften und dem sechsten Gebot. Paul VI. – ein großer! – hat in einer schwierigen Situation in Afrika den Ordensschwestern erlaubt, im Fall von Vergewaltigung Verhütungsmittel zu verwenden. Man darf nicht das Übel, eine Schwangerschaft allein zu vermeiden, mit der Abtreibung verwechseln. Die Abtreibung ist nicht ein theologisches Problem, es ist ein menschliches Problem, ein medizinisches Problem. Man tötet eine Person, um eine andere – im günstigsten Fall – zu retten oder gut durchkommen zu lassen. Abtreibung ist gegen den hippokratischen Eid, den die Ärzte ablegen müssen. Es ist ein Übel in sich, aber es ist am Anfang nicht ein religiöses Übel, nein, es ist ein menschliches Übel. Und es ist klar, da es ein menschliches Übel ist, wird es – wie jede Tötung – verurteilt. Eine Schwangerschaft zu vermeiden ist hingegen nicht ein absolutes Übel, und in gewissen Fällen, wie in dem Fall, den ich über den seligen Paul VI. erwähnt habe, war es klar. Außerdem möchte ich die Ärzte auffordern, alles zu tun, um Impfungen gegen die beiden Mücken, die dieses Übel bringen, zu finden – daran muss man arbeiten. … Danke.“

Vielleicht sollte man bei der Lebensrechtsbewegung im deutschsprachigen Raum sich nicht nur das herauspicken, was einem gerade so passt, sondern alles lesen. Nicht nur hier, gegen Ende seiner Aussage, hat Papst Franziskus deutlich gemacht, wie er zu Impfungen steht.
So wie am 15. Februar 2016 in Mexiko-Stadt bei einem Krankenhausbesuch – sogar fotografisch festgehalten (siehe das Bild dort):
„Einem Kind flößt er bei seinem Rundgang demonstrativ eine Polio-Impfung in den Mund ein und unterstützt damit eine derzeit landesweit laufende Impfkampagne.“
Und im Februar 2017 hiess es aus Rom:
„Vatikan ruft zum Impfen auf: Es ist eine soziale Pflicht“

 

Man frage mich jetzt bitte nicht, ob ich Interesse zur Teilnahme an Veranstaltungen der Lebensrechtsbewegung habe, wie beispielsweise dem „Marsch für das Leben“.
Mit Menschen, bei denen ich mir nicht sicher sein kann, ob sie nicht doch „Light It Up Blue“ und Autism Speaks befürworten und damit, dass ich als hochfunktionaler Autist nie geboren, sondern abgetrieben worden wäre? Mit Menschen, die so weit gehen, mich als Impfschaden zu diffamieren? Definitv: Nein!

Nur wer sich anpasst darf dabei sein

Kirche ist Gemeinschaft, kein Christ kann für sich alleine Christ sein. Das ist ein Grundsatz. Aber man kann diesen Grundsatz auch falsch verstanden umsetzen.

innerwelt

– Wie gemein doch diese Welt sein kann

Vor einiger Zeit habe ich hier berichtet, dass mein Großer umbedingt konfirmiert werden möchte. Ich habe ihn darin so gut ich kann unterstützt und inständig gehofft, dass ihm meine Erfahrung mit der Institution Kirche erspart bleibt. Ich hasse Verallgemeinerungen und so hatte ich, auch wenn meine Erfahrung mir anderes lehrt, doch einen winzigen Funken Hoffnung.

Ich habe mich leider nicht getäuscht. Auch die sogenannten Christen sind Menschen und darunter gibt es nunmal viele (nicht alle, aber der größere Teil), die alles was anders ist bekämpfen.

Mein Sohn wurde im Konfi-Kurs ausgelacht und ausgegrenzt. In der Konfi-Freizeit sogar gemobbt (soweit er zumindest erzählt nur da) und das hatte zur Folge, dass er bereits im Dezember jede weitere Teilnahme am Kurs verweigerte.

Der Pfarrer stellte nach einem Gespräch bei uns zu Hause die Möglichkeit in Aussicht, dass mein Sohn nur noch an den wichtigen…

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ABA – Gott oder Mammon?

Weil er eine „geistige und unsterbliche Seele“ besitzt (GS 14), ist „der Mensch … auf Erden das einzige Geschöpf … das Gott um seiner selbst willen gewollt hat“ (GS 24,3). Schon von seiner Empfängnis an ist er für die ewige Seligkeit bestimmt.

So heisst es im Katechismus der Katholischen Kirche, im dritten Teil (Das Leben in Christus), erster Abschnitt (Die Berufung des Menschen: Das Leben im Heiligen Geist), erstes Kapitel (Die Würde des Menschen), Artikel 1 (Der Mensch als Gottes Ebenbild). Die Zitate stammen aus der Apostolischen Konstitution Gaudium et Spes (GS).

Dies beschreibt das Grundbild des Menschen, wie es unteilbar zur Lehre der römisch-katholischen Kirche zählt. Dieses Grundbild führt u.a. auch dazu, dass die Kirche Abtreibungen rigoros ablehnt. Denn dieses einzigartige Geschöpf Gottes ist der Mensch „schon von seiner Empfängnis an“.

Jedem Menschen ist ausnahmslos die gleiche gottgegeben Würde als Mensch gegeben (was er dann damit macht, ob er sich dieser als würdig erweist, das ist wieder ein anderes Thema).

Auch in seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit 2016 greift der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Gebhard Fürst diesen Grundsatz auf, wenn er mit Blick auf den Hl. Martin von Tours als den Diözesanpatron schreibt:

„Der heilige Martin ist ein bedeutender Zeuge der barmherzigen Liebe, die uns in den Worten, Gleichnissen und Taten Jesu immer wieder begegnet. Indem er den Mantel in zwei gleiche Teile teilt, erkennt Martin: Jedem Menschen ist die gleiche Würde geschenkt – unabhängig von Herkunft, Milieu und individuellen Unterschieden. Damit wird deutlich: Als Geschöpf Gottes besitzt jeder Mensch die gleiche Würde: die uns alle verbindende gottgegebene Menschenwürde.“

Diese gottgeschenkte Menschenwürde ist unverhandelbar!

Ich habe in meinem Blog schon ein paar Beiträge aus Alexander Knauerhases Blog Quergedachtes rebloggt, die sich mit der Thematik

Applied Behavior Analysis, kurz ABA,

beschäftigen und jeweils noch ein paar Sätze dazu geschrieben.

Dieses Thema ist ein grosses Anliegen. Von Autisten wie auch von (NT-)Eltern autistischer Kinder, die sich intensiv damit beschäftigt haben.

 

Was ist ABA?

Im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu ABA (Stand: 22.02.2016) steht geschrieben:

Die Grundlagen und Prinzipien der ABA-Methode wurden durch B. F. Skinner und andere Verhaltenswissenschaftler gelegt. Ivar Lovaas war jedoch einer der ersten, der diese Prinzipien bei Kindern mit Autismus angewandt hat und den Prozess begann, die Wirksamkeit wissenschaftlich zu belegen.

Der Grundgedanke dazu wurde von Lovaas 1974 artikuliert:

You see, you start pretty much from scratch when you work with an autistic child. You have a person in the physical sense — they have hair, a nose and a mouth — but they are not people in the psychological sense. One way to look at the job of helping autistic kids is to see it as a matter of constructing a person. You have the raw materials, but you have to build the person.

Und zwei Jahre später, 1976, postuliert er:

„In any case, what one usually sees when first meeting an autistic child who is 2, 3, or even 10 years of age is a child who has all the external physical characteristics of a normal child — that is, he has hair, and he has eyes and he has a nose, and he may be dressed in a shirt and trousers — but who really has no behaviors that one can single out as distinctively ‘human’. The major job then, for a therapist — whether he’s behaviorally oriented or not—would seem to be a very intriguing and significant one, namely, the creation or construction of a truly human behavioral repertoire where none exists.“

Es ist erschreckend, wie der aus Norwegen stammende und in die USA immigrierte Ole Ivar Lovaas hier Menschen aufgrund ihres Autismus das Menschsein als Person abspricht, alleine aus dem Grunde, weil ihr äusserliches Verhalten nicht einer vorgegebenen neurotypischen Norm entspricht. Der autistische Mensch reduziert auf ein rein körperliches Wesen. Das Geistige, das Spirituelle wird ihm somit abgesprochen!

Und wie sehr Lovaas tatsächlich nur auf das Oberflächliche fixiert war, erkennt man an folgender Geschichte:

The (mis)representations of Lovaas’ work also raise another question regarding historical memory: why is his non-autism-related research forgotten while Lovaas is glorified as a hero?  Namely, why do no mainstream media outlets mention Lovaas’ other “success” story: He (supposedly) was able to make “feminine boys” appear more outwardly “masculine” (in the socially acceptable way, of course).

[Sarkasmus an]
Ja, in Zeiten, in denen nicht nur ich einen Werteverfall ausmache und sehr viel nur auf die Oberflächlichkeit Wert gelegt wird, in der irgendwelche Tussies nach dem Vorbild von sich selbst als wichtig ansehenden Celebrities sich die Brüste, den Po oder Was-weiss-ich aufspritzen oder sonst was lassen, da passt ABA prima hinein. In Zeiten, in denen Menschen auf die Strasse gehen, gegen Flüchtlinge demonstrieren oder sogar handgreiflich werden und als verlogenen Schutzbehauptung das „christliche Abendland“ beschwören, das sie angeblich retten wollen, obwohl sie sonst mit einem christlichen Leben wenig bis gar nichts verbindet, da passt es hinein, eine Therapieform wie ABA als positive Hilfe für Eltern und ihre autistischen Kinder verlogen darzustellen. In diesem Zusammenhang ist es vollkommen korrekt, wenn es im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu ABA heisst, dies sei eine „moderne“ Behandlungsmethode, denn sie passt damit prima in die heutige vom Werteverlust geprägte Gesellschaft.
[Sarkasmus aus]

Zwar spricht Lovaas von der Psyche, der Katechismus von der Seele, ganz klar geht es jedoch bei beidem um das nicht-körperliche des Menschen, das, was dem Menschen seine herausgehobene Stellung als Gottes Geschöpf nach dessem Abbild ausmacht.

Es ist inzwischen allgemeiner Konsenz, dass es ein autistisches Spektrum gibt und die ehemals scharfe Trennung zwischen frühkindlichen Autisten – an denen angeblich vorwiegend ABA ausgeführt wird – und dem Asperger-Syndrom so nicht existiert. Frühkindlicher Autismus und Asperger-Autismus sind zwei mögliche Ausprägungs-varianten im Autismusspektrum, die sich vor allem dadurch unterscheiden, auf welchen Gebieten und wie weitgehend die betroffene Person eine Anpassungleistung erbringen kann.

Nach Lovaas Ansicht – und auf dieser Grundthese beruht ABA – ist der Autist nicht mehr als eine Hülle, die gefüllt werden kann und muss. Nach dem christlichen Menschenbild besitzt jeder Mensch von seiner Empfängnis an eine geistliche und unsterbliche Seele. Hier existieren zwei sich grundlegend voneinander unterscheidende Menschenbilder, die absolut nicht kompatibel zueinander sind!

Da ich autistisch bin wäre ich – entsprechend Lovaas Grundthese – auch von Beginn an so eine solche leere Hülle gewesen, die im Gegensatz zu einem neurotypischen Menschen leer war und rein von aussen geprägt wurde.

Fehlt mir jedoch das, was einen Menschen als Person ausmacht, wäre ich kein Mensch.

Ich bin aber ein Mensch.

Ich bin gültig getauft und gefirmt.

Ich erfühle ehrenamtlich meine Aufgaben als Lektor, Kommunionhelfer und Leiter von Wort-Gottes-Feiern. Ich bin Mitglied im Kirchengemeinderat.

Abgesehen davon habe ich ein Fachhochschulstudium im Bibliothekswesen absolviert sowie ein berufbegleitendes Zusatzstudium für historische Bestände und Sondermaterialien. Ich habe in den jeweiligen Abschlussarbeiten bewiesen, dass ich selbstständig ein wissenschaftliches Thema bearbeiten kann (was so einige neurotypische Menschen durch ihre Plagiats-Dissertation nicht getan haben).

Jeder, der mich persönlich kennt, käme nie auf die Idee, mir meine fachlichen Qualifikation als auch mein Engagemant für den Beruf wie für Kirche, meinen Glauben, meine Hoffnungen, meine Träume, meine Empfindungen abzusprechen. Weil ich angeblich ja nur eine Hülle gewesen wäre, die fremdbestimmt gefüllt wurde.

Absurd.

Es gibt tatsächlich wesentlich mehr nichtautistische Menschen, die sich tagtäglich fast zombiemässig fremdbestimmen lassen, die osbkuren Heilsversprechungen und Gurus hinterherlaufen und Verschwörungstheorien anhängen, als dies bei Autisten der Fall ist.
ABA-Befürworter wenden gerne ein, dass ABA eine Therapie ist, die ja nur bei frühkindlichen Autsten zum Einsatz käme, dort wo meistens als Komorbidität zum Autismus eine geistige Behinderung vorliegt. Es gibt Berichte, die diese Aussage als glatte Lüge entlarven. Wie jener eines 17jährigen Autisten, der komplett in deutscher Übersetzung auf dem Blog Butterblumenland nachgelesen werden. Dort ist auch auf das englischsprachige Original verlinkt.

Sie haben mich nach der Schule gefragt, was ich studierte, und ob ich mich für Uni usw. interessierte. Sie haben schnell festgestellt, dass ich liebe zu lesen und herausgefunden habe, dass mein größtes spezielles Interesse Dichtung des 20. Jahrhunderts ist. Mama hatte ihnen das vorher erzählt. Ich habe erklärt, dass ich viel für meine Unibewerbung lesen muss, und dass ich viel über einen Bereich der Literatur wissen musste, und dass 20. Jahrhundert-Dichtung der Bereich ist, den ich am meisten liebe zu forschen.
[…]
Drei Männer und eine Frau, die meinen Kopf runterdrückte, so konnte ich nicht ihn von Seite zu Seite werfen oder in auf den (ein bisschen ausgepolsterten, wie auf Kinderspielplätzen) Fußboden knallen. Ich weiß nicht, wie lange sie mich so gehalten haben, aber es war, bis ich so viel geschrien und so viel gekämpft hatte, dass ich erschöpft zusammenbrach und an diesem Punkt war …, wo ich weiterhin weinte und den Schmerz fühlte, aber unfähig war irgendetwas dagegen zu tun, weil meine Muskeln gerade nicht mehr reagierten. Es waren mindestens zwanzig Minuten.

Ich habe in meinem Zivildienst in einer Wohngruppe mit Geistigbehinderten gearbeitet. Wir hatten einen als „Time-out“ bezeichneten Raum, umgangssprachlich würde man ihn „Gummizelle“ nennen. Wir haben Bewohner bei fremdagressivem Verhalten in diesen Raum gebracht (was auch mit etwas Druck geschehen musste und zu zweit oder zu dritt, aber um der Fremdagression des Bewohners entgegenwirken zu können). War ein Bewohner in diesem Raum, blieb er dort, bis er sich beruhigt hatte plus eine Stunde zusätzlich. Wir hatten auch Bewohner, die fixiert wurden, damit sie sich (Autoagression) und anderen (Fremdangression) keinen Schaden beibringen konnten. Bei jeder diesen Massnahmen war vorher in Bezug auf jede einzelene Person richterlich festgelegt, ob und wieweit sie reichen durften und sie waren auch nur in diesem Rahmen erlaubt.
Das, was oben geschildert wird, steht jedoch in keiner vernünftigen Relation dazu.

Nur frühkindliche Autisten, bei denen die Symptomatik stark ausgeprägt ist, werden ABA unterzogen? Nein, absolut nicht, wie man sieht!

ABA-Befürworter mögen jetzt einwenden: Aber, das ist doch in den USA, das wird hier in Europa so nicht gemacht.
Woher erhalten ‚zertifizierte‘ ABA-Therapeuten hier in Europa ihr Zertifikat?
Sie berufen sich doch gerne ausdrücklich darauf, dass ihre Ausbildung durch den Behavior Analyst Certification Board (BACB) in den USA zertifiziert wurde.

Wenn sie überhaupt zertifiziert sind und nicht autodidaktisch sich ABA-Behandlungsmethoden angeeignet haben. Personen die, wie es eine Mutter in einer Facebook-Gruppe beschrieb, neben ABA auch noch Hundedressur anbieten. Was eigentlich schon alles sagt.

Und auch ein gerne hervorgebrachtes Argument ist, dass das, was heute als ABA praktiziert wird, mit dem ursprünglichen ABA nur noch wenig bis gar nichts gemein hat.

Falsch, denn es ist die menschenverachtende Grundthese von Lovaas, die trotz aller möglichen kosmetischen Veränderungen in der Ausführung von ABA auch heute noch die Grundlage bildet.

Dies erkennt man ganz klar in der Aussage von Frau Dr. Ragna Cordes vom Institut für Autismus’forschung‘ in Bremen:

Es geht darum, dass die Kinder ihr gelerntes autistisches Verhalten vergessen und ein neues Verhalten erlernen.

Nein, es ist eben kein „gelerntes“ autistisches Verhalten, es ist das natürliche autistische Verhalten und jeder Teil dieses Verhaltens lässt sich aus den Besonderheiten des Autismus heraus recht einwandfrei erklären.

Prof. Dr. Simon Baron Cohen vom Autism Research Centre an der Universität Cambridge – einer Einrichtung, die im Gegensatz zu jener Kaffeemaschinenklitsche in Bremen sich tatsächlich mit Forschung im Bereich Autismus beschäftigt – macht denn auch deutlich:

There is more to behavior than just learned associations.
There are evolved neurocognitive mechanism.

[Sarkasmus an]
Das autistische Verhalten ist selbstverständlich nur für diejenigen natürlich und nicht erlernt, die es so sehen wollen. Es ist nicht natürlich und erlernt für diejenigen, für die Menschen sowieso normativ sind: Neurotypisch, Heterosexuell, Rechtshändler. Zudem leben alle in einem Reihenhaus und haben ein Auto vor der Garage, das sie jeden Samstag gründlich waschen. Und wenn die Bild-Zeitung und RTL einen Bericht bringen, „„Ihn zu umarmen ist das grösste Geschenk“ – Tätowierter Vater über Liebe zu seinem autistischen Sohn„, dann klatschen alle, die sich über die vielen Jahre ihres Lebens bereitwillig durch die Boulaverdmedien einer Gehirnwäsche unterzogen haben lassen, begeistert wie Zombies in die Hände.
[Sarkasmus aus]

Jedoch sind genau das die Berichte, die ABA positiv erscheinen lassen sollen. Gewünscht von den ABA-Befürwortern. Oder sogar gefördert?

Nur wenige Menschen scheinen genau hinzusehen, wie die Bloggerin von Butterblumenland, die sich intensiv damit auseinandergesetzt hat.
Neben Opferberichten, wie oben aus einem zitiert ist, existieren inzwischen auch lesenswerte Statements ehemaliger ABA-Therapeuten, die den Ausstieg gefunden haben. Und, ja, es liest sich tatsächlich, wie wenn jemand aus einer Sekte ausgestiegen ist.
Wie jener mit der Überschrift Why I left ABA:

„When I left, it wasn’t a decision I made overnight. It was a long, difficult process, full of denial and confusion. I don’t enjoy talking about it because I did so many wrong things that affected kids’ lives, and I don’t want to offer any excuses for myself. But I do want you to get a sense of what the process was like, in case anyone reading this happens to be in the same position.“

Selbst im ABA-Heimatland USA merkt man jedoch inzwischen auch ausserhalb der Fachwelt, dass da etwas nicht stimmen kann.
Wie im Fall der Larne Elementary School in Clover in South Carolina:

A different teacher’s aide reported seeing a student allowed to fall out of a chair as a natural consequence, witnessing the adult not try to block the fall. A teacher identified as “Teacher B” said a natural consequence is to let the child fall. An aide said that “Applied Behavior Analysis,” also known as ABA, lets the child fall as a consequence and teaching moment.

Welche Eltern, die ihr Kind tatsächlich lieben, würden es beispielsweise einfach so auf eine verkehrsreiche Strasse rennen lassen und sagen: „Wenn es überfahren wird, hat es wenigstens am Ende des Lebens gelernt, dass es das nicht hätte tun dürfen!“?

Wer es noch nicht verstanden hat:
ABA ist menschenverachtend und die Anwendung ein Missbrauch!
Es ist tatsächlich befremdlich, wenn auf einer vom Berufsbildungswerk Adolf Aich in Ravensburg  – Teil der Stiftung Liebenau (in der ebenso zur Stiftung Liebenau gehörenden St. Lukas-Klinik habe ich meinen Zivildienst gemacht), also einer Einrichtung die zum Komplex einer kirchlichen Stiftung gehört – veranstalteten Tagung zum Thema Autismus ein Vertreter einer Organisation namens ABA Eltern positive Werbung für ABA macht und zudem bei Kleinkindern schon mit „sexueller Stimulation“ arbeitet – Aleksander Knauerhase hat auf seinem Blog Quergedachtes schon darüber berichtet.

Wer diese Therapie vertritt, hat jedoch weniger die Empathie eines Priesters Adolf Aich als mehr deren Mangel eines SS-Offiziers Adolf Eichmann!
ABA heutzutage – egal wie man es nennt, ob in Zürich FIVTI (Frühe intensive verhaltenstherapeutische Intervention), ob in Norddeutschland als BET (Bremer Elterntrainingsprogramm) oder wie es sich auch immer tarnen mag – ist jedoch vor allem eine riesige Geldmaschine. Da werden Fördergelder eingeheimscht und es wird um Spenden gerungen.
Wie es z.B. die Zürcher in einem Flyer machen:

FIVTI wäre ohne Spenden nicht realisierbar. Herzlichen Dank den Stiftungen und Privatpersonen, die uns bereits so grosszügig unterstützen. Um den Fortbestand
und die Weiterentwicklung dieser wichtigen Tätigkeit zu sichern, sind wir aber auch weiterhin auf Ihre Hilfe angewiesen. Unser Förderverein OPSY hat die Unterstützung des Autismus-Projektes zu einem besonderen Schwerpunkt gemacht und nimmt Spenden gerne entgegen.

Zudem weiss ich als aufrechter Katholik gar nicht mehr, ob ich der Caritas tatsächlich noch etwas spenden kann – oder wie am 2. Fastensonntag, an dem in der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Kollekte in den Gottesdiensten das Caritas-Fastenopfer war, guten Gewissens Geld in das Körbchen legen kann – denn der Deutsche Caritas-Verband ist eine der sieben Träger der Aktion Mensch und die Aktion Mensch unterstützt finanziell jene Bremer Elterntraining genannte ABA-Therapie.

Man mache sich keinerlei Illusionen: Diese Geldmaschine wird von den ABA-Befürwortern durch jede nur erdenkliche Schönfärberei ihres schändlichen Tuns verteidigt. Auch, indem sie autistische Blogger bedrängen etc., wenn diese Aufklärungsarbeit betreiben. Und sie können dabei sehr persönlich werden.
Jedoch, sie zeigen damit nur, dass sie eine wichtige Entscheidung schon getroffen haben: Für das Geld und gegen das christliche Menschenbild.

Im Matthäus-Evangelium(Mt. 6, 24) heisst es:

Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.

„Arbeitsscheu“

Seit 1996 wird in Deutschland jedes Jahr am 27. Januar der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Internationale Bekanntheit erreichte dieser Gedenktag, als er 2005 durch die Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts erklärt wurde.

Der Holocaust bzw. die Schoah, also die Ermordung der Juden, war zwar der mit Abstand markanteste Teil der Vernichtungsaktionen unter dem Regime des Nationalsozialismus aber es gab daneben auch noch andere. In den Konzentrationslagern waren neben Juden auch politische Häftlinge, Kriminelle, Bibelforscher (Zeugen Jehovas) und, gezennzeichnet durch einen schwarzen Winkel, „Asoziale und Gemeinschaftunfähige“.

Nun sind Autisten nicht unbedingt die geselligsten Menschen und ihr oftmals sehr direktes Verhalten wird ja auch mitunter als anstössig empfunden.

Eine weitere, mit Autismus verbundene Problematik ist diejenige der
Exekutiven Dysfunktion.

Dies ist, wie Amythest Schaber in ihrem Ask an Autistic-Video mit dem Titel „What is Executive Functioning?“ sagt:
„Executive Functioning is a very complex topic and it is the function of the mind and brain that ins’t very well understood yet.“
Ja, es kann dazu führen, dass ein autistischer Mensch in seiner Leistungsfähigkeit beeinflusst wird. Und:
„Executive Functioning issues can and are often interpretet as lazyness or being defiant or having a poor work ethic when really that is not the case at all. Procrastination and Executive Dysfunctioning are two totally different things.“

 

Ja, autististische Menschen werden also wegen ihrer Exekutiven Dysfuntkion gerne mal als arbeitsscheu angesehen – was mir selbst passiert ist, als aufgrund von enormem Druck die Exekutivfunktionen und damit meine Arbeitsfähigkeit immer mehr darunter gelitten haben, bis fast gar nichts mehr ging. Wer Leistung von Autisten sehen möchte, muss halt die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen bzw. bestehende nicht unnötig und mutwillig zerstören und dadurch die Leistungsfähigkeit.

Und auch im deutschsprachigen Raum beschäftigt diese Problematik. Ja, Autisten beschäftigen sich intensiv damit, warum sie zwar wollen, aber nicht können!

„Ein vollkommen unsichtbares Symptom von Autismus ist die exekutive Dysfunktion. Exekutivfunktionen werden vom Frontalhirn (“frontal lobes”) gesteuert und sind unter anderem relevant, wenn es um Organisation und Planung geht, also Terminpläne aufzustellen, den Tag zu strukturieren, einen Zeitplan zu befolgen, um die Bachelor- oder Masterarbeit fertigzustellen, die Hausarbeit zu erledigen, regelmäßige Mahlzeiten zu haben, dafür rechtzeitig einkaufen zu gehen, mit Veränderungen im Stunden- oder Dienstplan umgehen zu können, etc.“

Unsichtbar? Naja, vielleicht wo es herkommt, jedoch nicht in seinen Auswirkungen.

„Exekutive Dysfunktion beschreibt im weitesten Sinne Probleme damit, Dinge zu tun. Das klingt sehr allgemein – und ist es auch. Der Begriff ist relativ unbekannt, was dazu führt, dass diejenigen von uns, die Exekutive Dysfunktion haben, oft selbst nicht wissen, was das Problem ist.“

Nichts belastet einen mehr, als wenn die Exekutivfunktionen mehr als es sonst üblich ist, beeinflusst sind. Jeder hat ja irgendwie so seinen Level, wie er funktioniert, aber wenn das zusammenkracht und deutlich weniger geht, dann kratzt das am Selbstbewusstsein. Das Mobbing am Arbeitsplatz hat bei mir dazu geführt und es hat sich leider, in jetzt eineinhalb Jahren seit von dort weg bin, nicht wieder normalisiert. Aber, Hauptsache mein bisheriger und langjähriger Arbeitgeber ist seinen faulen Minderleister weg…

 

Zu anderen Zeiten ist man ja mit Menschen wie mir ganz anders umgegangen.

Bekannt ist inzwischen, dass Hans Asperger im Wien der 1940er Jahre selbst unter seinen jungen Patienten eine Auswahl zwischen denen treffen musste, die einen potentiellen positiven Nutzen bringen konnte und denen mit einer zu starken Ausprägung des Autismus. Um jene leichteren Fälle – mit der Ausprägung des Autismus, der später nach ihm als Asperger-Syndrom bekannt wurde – vor der skrupellosen Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten zu retten, musste er etwas übertreiben. Mit einer euphemistischen Darstellung, dieeine pure Notwendigkeit war angesichts dessen, was Hans Asperger tagtäglich durch die offiziellen Stellen, dem nationalsozialistischen Machtapparat, erlebte.

„He saw them as potential innovators, seeing the world with a fresh perspective, and called them his ‘little professors’. He suggested to his superiors that his ‘little professors’ would make superior code breakers for the Reich. While he recognised how broad the autism spectrum was, he emphasised their special talents, not their ‘degenerate defects’.“

Diejenigen autistischen Menschen, deren Symptomatik ausgeprägter war, fielen der Euthanasie zum Opfer. Vorwiegend im Rahmen der Aktion T4. Man geht von ca. 3500 frühkindlichen Autisten aus, die umgebracht worden sind.

Weiterhin wird davon ausgegangen, dass unter den als Asozial bzw. Arbeitsscheu geltenden Personen auch hochfunktionale Autisten waren, die vermutlich aufgrund der Problematik mit den Exekutivfunktionen Auffälligkeiten zeigten. Über entsprechende Zahlen kann man jedoch nur spekulieren.

„Gemäß einem Grunderlass zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung vom Dezember 1937 konnten die „Asozialen“ im Rahmen dieser Prävention in ein Konzentrationslager eingeliefert werden. Durch die Aktion“ Arbeitsscheu Reich“ kam es 1938 zu Massendeportationen, oft mit tatkräftiger Unterstützung der Arbeits- und Fürsorgeämter.
Als „Asozial“ galten u.a. : Bettler, Körperbehinderte, Denunziantenopfer, Wohnungs- und Obdachlose, Aufsässige, Wanderarbeiter, Legastheniker, Roma und Sinti, weibliche Homosexuelle, Waisen, Prostituierte, Zwangsprostituierte, Frauen mit wechselnden sexuellen Kontakten, Kleinkriminelle, ständige Nörgler, Menschen, die Armen oder gar KZ-Häftlingen halfen, Anarchisten, Gehörlose, Analphabeten, so genannte Arbeitsscheue, Bummelanten, Faule, Autisten, Stotterer, nicht „Reinrassige“, Volksschädlinge, Volksverräter usw.usw.“

Diese Menschen kamen in den Konzentrationslagern nach der Devise Vernichtung durch Arbeit ums Leben oder wurden sogar im Rahmen der Sonderbehandlung 14f13 – auch „Invaliden- oder Häftlingseuthanasie“ genannt – einfach nur vergast.

„Die Aktion 14f13 stellte eine weitere Stufe dar auf dem Weg von der Diskriminierung und Isolierung politisch und rassisch Unerwünschter, über den utilitaristisch motivierten Mord zum rein rassistischen Massenmord, der sogenannten Endlösung. Im Gegensatz zur Aktion T4, die mit äußerlichen Motiven, wie der „Gewährung des Gnadentodes“, bemäntelt wurde, verzichtete man bei der Aktion 14f13 auf sämtliche Scheinbegründungen und reduzierte die Häftlinge auf ihre reine Nützlichkeit als Arbeitskräfte.“

 

Um es an dieser Stelle einmal klar herauszustellen: Jeder (neurotypische) Mensch, der es wagt, einem autistischen Menschen pauschal vorzuwerfen, er sei faul oder arbeitsscheu, sei daran erinnert, dass diese Beurteilung am Anfang dessen stand, von dem die Euthanasie das Ende war! Er sollte sich demonstrantiv von dieser Beurteilung oder sogar einer Bestrafung eines autistischen Mitmenschens aufgrund dieser Beurteilung distanzieren. Oder aber, wenn er dabei bleibt, sich zugestehen, nicht weniger rechtsideologisch zu handeln, wie die sogenannten Besorgten Bürger, die gegen Flüchtlinge demonstrieren.

 

Es sei zum Schluss an die vielen Menschen im kirchlichen Dienst erinnert, die sich damals dieser menschenverachteten Ideologie entgegenstellt haben, unter Einsatz ihres eigenen Lebens.
Zitiert sei hier der Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen:
„Hast du, habe ich nur solange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden?“
Oder, wie ich es erlebt habe: Hat ein Asperger-Autist nur solange Anspruch als erhaltenswerter und produktiver Mitarbeiter gesehen zu werden, solange alleinig der Arbeitgeber bestimmt, unter welchen Voraussetzungen er produktiv zu sein hat?