Spiritueller Alzheimer und Politischer Autismus

Alle Jahre wieder, kommt … z.B. ein (vor)weihnachtlicher Empfang des Papstes für seine Mitarbeiter im Vatikan.

Vom diesjährigen berichten auch die Medien im deutschsprachigen Raum gross.
Prominent dabei, bei manchen schon in der Überschrift, der Begriff Spiritueller Alzheimer. Weniger reisserisch sieht das, beim Domradio, so aus:
Papst kritisiert Bürokratie des Vatikans – „Spirituelles Alzheimer“
Radio Vatikan zur umstrittenen Papst-Rede an die Kurie – „Reform beginnt bei uns selber“

Im italienischsprachigen Original findet man die Rede unter:
http://press.vatican.va/content/salastampa/de/bollettino/pubblico/2014/12/22/0979/02116.html

Nein, ich habe absolut nichts dagegen, dass Papst Franziskus die Probleme anspricht. Das ist richtig und wichtig! Ich frage mich nur, ob dieses Vokabular richtig gewählt ist. Spiritueller Alzheimer erinnert mich leider viel zu sehr an Politischer Autismus. Dazu wurde z.B. im Blog Quergedachtes schon etwas geschrieben. Zu jenem guten Beitrag muss ich nur verlinken und nichts wiederholen:
Die Sprache des Autismus

Einerseits bin ich froh, dass diesmal der Autismus nicht dran war, genannt zu werden. Andererseits tun mir dieses Weihnachten alle Menschen mit Morbus Alzheimer doch schon etwas mehr leid als sonst auch.

Anm.: Nach dem Duden ist Alzheimer maskulin. Da wäre dann doch Sprituelles Alzheimer, wie in manchen Medien geschrieben, falsch?

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Für den Anfang …

… erscheint mir etwas Grundsätzliches wichtig.

Im Zeitraum vom 20. bis 22. November 2014 fand im Vatikan eine Tagung des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst (Pontificium Consilium pro Valetudinis Administris) statt:

XXIX Conferenza Internazionale – La persona con disturbi dello spettro autistico: animare la speranza /
XXIX International Conference – The Person with Autism Spectrum Disorders: Animating Hope

Das Programm der Tagung findet sich unter:
http://www.vatican.va/roman_curia/pontifical_councils/hlthwork/documents/XXIXConferenzaPCPS_programma.pdf
(Wie immer gilt: Weblinks haben am Tag der Erstellung des Beitrages ihre Gültigkeit. Für eine technische einwandfreie Funktion zu einem späteren Zeitpunkt übernehme ich keine Garantie)

Schade! Ich, als Betroffener, hätte mir als gastgebendes Dikasterium den Päpstlichen Rat für die Laien (Pontificium Consilium pro Laicis) gewünscht. Primär sind wir alle in der römisch-katholischen Kirche getaufte Christen und haben auch als solche eine Sendung. Erst sekundär unter der Gesamtheit aller jener Gläubigen sind diejenigen Mitchristen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) … vor allem Mitchristen mit einer Autismus-Spektrum-Störung, was ein Anderssein ist. Nicht vor der dritten Stelle kommt das Kranksein, das sich vorwiegend durch Komorbidiäten manifestiert: eine erhöhte Anfälligkeit für Depressionen etc. Und was die Einstufung als Behinderung angeht, so gibt es ein weites Feld an Unterschiedlichem, was jemanden mit ASS behindert, aber einen NT (neurotypischen Menschen) mitunter nicht weniger. Ich habe in meinem Zivildienst mit Geistigbehinderten gearbeitet und sehe Behinderung dann doch recht differenziert.

Es hätte aber auch gerne der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden (Pontificium Consilium de Iustitia et Pace) sein dürfen, zu dessen Aufgabengebiet die soziale Gerechtkeit und die Menschenrechte gehören. Man beachte auch: Es heisst nicht Päpstlicher Rat für die Kranken, sondern Päpstlicher Rat für die Pastoral im Krankendienst. Auf Italienisch Pontificio Consiglio per la pastorale degli Operatori Sanitari und auf Englisch Pontifical Council for the Pastoral Assistance to Health Care Workers. Es geht also nicht primär um die Kranken an sich, sondern um diejenigen, die mit Kranken, also im Gesundheitswesen, arbeiten!

So war denn durch das gastgebende Dikasterium schon eine bestimmte Richtung vorgegeben: Personen mit ASS sind eine Problematik im Gesundheitswesen. Man muss sich nicht wundern, dass unter jenen Voraussetzungen eine der grössten Organisationen – gross in Hinsicht auf die ihnen zur Verfügung stehenden Geldmittel – sich in den Vordergrund stellte:

Autism Speaks.

Man kann im entsprechenden Wikipedia-Artikel lesen: Autism Speaks ist eine Non-Profit-Organisation, die sich der Erforschung und den Ursachen des Autismus widmet und 2005 von Suzanne und Bob Wright gegründet wurde.

Das klingt ja erstmal nicht negativ. Es ist zwar keine Organisation von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung, aber eine, die etwas tun möchte. Da ist ein inzwischen älteres Ehepaar, das einen Enkel mit einer ASS hat. Wie fürsorglich! Aber was möchte Autism Speaks tun?
Auf ihrer eigenen Website gibt die Organisation an, sie wären „dedicated to funding research into the causes, prevention, treatments and a cure for autism“. Moment: Eine Autismus-Spektrum-Störung lässt sich nicht heilen, indem man, stark vereinfacht, den betreffenden Personen eine teuer entwickelte Pille gibt, die regelmässig oder vielleicht sogar nur einmal geschluckt werden muss!

Dafür tut Autism Speaks für die Prävention so einiges, wie Aleksander Knauerhase in seinem Blog Quergedachtes schon in einigen Beiträgen deutlich aufgezeigt hat:
Das Geschäft mit der Angst, Trau schau wem, Die Weiten des Autismus.

Autism Speaks, aber auch dessen nach Europa verlängerter Arm EU-AIMS, engagieren sich vor allem in der genetischen Erforschung von Autismus. Um es klipp und klar zu schreiben: Es geht um Pränataldiagnostik. Pränataldiagnostik, um werdenden Eltern sagen zu können: Ihr Kind wird mit einer Autismus-Spektrum-Störung geboren. Automatisch darauf folgend die zweite Frage, ob ausgesprochen oder nicht: Wollen sie dieses Kind auf die Welt bringen?
Das hat wenig damit zu tun, etwas für Menschen mit ASS zu tun. Schaut man sich an, wie generalstabsmässig das Programm durchgezogen wird, kommt mir im Gegenteil der Begriff „vorgeburtliche Euthanasie“ in den Sinn.

Autims Speaks fördert Gentechnik, Gentechnik führt zu Pränataldiagnostik, Pränataldiagnotisk führt zu Abtreibungen. Und Abtreibung ist aus Sicht der römisch-katholischen Kirche Mord! Nicht mehr und nicht weniger.

Anfang 2014 konnte man in den Medien die Bekräftigung der offiziellen Haltung der römisch-katholischen Kirche zur Abtreibung lesen:
„Häufig werden menschliche Wesen wie nicht mehr benötigte Gebrauchsgegenstände entsorgt“, sagte das Kirchenoberhaupt in seiner ersten Ansprache an das Diplomatenkorps des Vatikans. „Allein schon der Gedanke, dass Kinder als Abtreibungsopfer niemals das Licht der Welt erblicken werden, lässt mich schaudern“, so Franziskus.
Auf der Website von Autism Speaks ist die Begegnung des Autism Speaks Gründerehepaars mit Papst Franziskus bildlich festgehalten. Hätte er gewusst, dass er zwei Menschen, die mit ihrer Organisation auf die mögliche systematische Ermordung von ungeborenen Leben hinarbeiten, die Hand schüttelt, hätte Papst Franziskus eigentlich schaudern müssen!

Zu jener Tagung existiert auch ein Interview mit Bob und Suzanne Wright.
„Well, from a very practical standpoint, the Catholic Church manages an enormous number of healthcare organizations, hospitals, homes, retirement areas, clinics, all over the world.“
Ja, sehr praktisch. Praktisch für die umfangreiche Gendatenbank von Autism Speaks, die mithelfen soll, nach der Feststellung einer ASS per Pränataldiagnostik, Abtreibung als Option zu ermöglichen.
„Any words that the Pope puts forth on this subject will really get some resonance, not only in the healthcare community, but in the public, especially in places like Latin America which is heavily Catholic. The stigma can be reduced in 20 seconds, 40 seconds. [Pope Francis] can reduce that stigma, just by saying: ‘You need to help these families. No blame here. You have to help and pull together. I pray for all of you.’“
Wenn Papst Franziskus das Stigma für die betroffenen Familien von Menschen mit ASS reduziert, wer oder was bleibt denn aus Sicht der beiden Wrights als Stigma übrig? Das kann dann doch eigentlich nur die Person mit ASS selbst sein?

Aha, jetzt bin ich also das Stigma. Das Stigma für meine Mitmenschen, meine Familie, meine Kirchengemeinde. Das Stigma, das als Kind und Jugendlicher eifrig seinen Ministrantendienst ausgeübt und in der Jugendband in fast unzähligen Gottesdiensten mitmusiziert hat. Das Stigma, das als Erwachsener in der Eucharistiefeier die liturgischen Dienste des Lektors und Kommunionhelfers ausübt oder musikalisch mitwirkt. Das Stigma, das vereinzelt sogar selbst Wort-Gottes-Feiern leitet.

Nun denn, Autism Speaks bzw. Bob und Suzanne Wright, dann bin ich, der nach Euren Vorstellungen vor meiner Geburt eigentlich abgetrieben gehört hat, die Stigmatisierung meiner Mitmenschen und dadurch, dass diese mich ertragen müssen (und manche ertragen mich als Lektor sogar sehr gerne!), trage ich zu ihrer Heiligung bei.