Der Fels

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben Spezialinteressen. Mitunter klingt das so, als würden dadurch Themen, die ausserhalb jenes liegen, irrelevant. Ich selbst habe, wie jeder Mensch, verschiedene Interessen, aber auch einiges, was mich mehr interessiert und wo ich dann sozusagen zu Höchstform auflaufen kann.
Schon als Kind habe ich mich für kartografische Materialien interessiert. Warum ich dann nicht Kartograf, Vermessungsingenieur oder ähnliches geworden bin? Weil für mich manches doch noch ein grösseres Interesse besitzt.
Am 31. Dezember feiert die römisch-katholische Kirche den Gedenktag des Hl. Silvester I., Bischof von Rom, der anfangs des 4. Jh. lebte. Er war Zeitzeuge des Toleranzediktes von Mailandes (313 n. Chr.) und der Beendigung der Christenverfolgungen im Römischen Reich unter Kaiser Konstantin I.
Aus dem Evangelium jenes Gedenktages sticht folgende Passage hervor „Ich aber sage dir: Du bist Petrus – der Fels -, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16, 18)
Als Leiter von Wort-Gottes-Feiern ist es auch meine Aufgabe, etwas zu jenen Texten zu sagen. Es darf sich offiziell nicht Predigt nennen und von daher schaue ich, ob sich für meine Ansprache etwas ergibt, ohne dass eine fundierte theologische Auslegung notwendig wird.
Zum Thema Fels fiel mir tatsächlich etwas ein, das sich mit einem meiner Spezialinteressen, dem der Kartografie(geschichte), verbinden lässt.
Anbei also meine Gedanken zum Thema Fels, die ich gestern bei uns im Dorf in der Kirche vorgetragen habe:

Liebe Schwestern und Brüder,
da steht etwas felsenfest. An diesem Felsen zerschellt man. Jenen Felsen gilt es zu umschiffen. Das ist der Fels in der Brandung.
Toll, so ein Fels. Unverrückbar steht er da, nichts kann ihn fortbewegen. Das Symbol schlechthin für Stabilität.
Mitte des 19. Jahrhundert setzte in unseren Breiten die moderne Kartografie ein. Grossflächig wurden ganze Staaten vermessen und in Folge auf Kartenblättern mit einer recht einheitlichen Bildsprache dargestellt. Dazu gehörte auch, dass man wissen wollte, wie hoch dieser oder jene Ort oder gar Berg liegt. 1845 begann das Eidgenössische Topographische Bureau, damals in Genf beheimatet, mit der Kartographierung der Schweiz. Im Vorfeld nahm man ein Nivellement vor. Ausgehend vom Normalnull, in diesem Fall dem mittleren Meeresspiegel des Pegels Marseille, ging man die Rhone entlang bis in das heimische Genfer Hafenbecken. Dort befindet sich ein Fels, den man mit 376,86 Meter über jenem Normalnull des Pegels Marseille verortete: Der Pierre du Niton. Alle Höhenangaben in den Schweizer Karten wurden an diesem Punkt festgemacht. 1902 führte man ein neues Nivellement vom Pegel Marseille aus durch … und musste die Höhe des Pierre du Niton auf 373,6 m korrigieren. Höhenangaben auf Schweizer Landkarten vor 1902 unterscheiden sich daher von denen nach 1902 um 3,26 m. Man sieht also, ein Felsen kann zwar fest stehen und als Referenzpunkt dienen, er selbst muss jedoch auch irgendwie verortet werden. Und diese Verortung kann auch, darf, ja muss mitunter einer Korrektur unterliegen. Beziehen wir das auf unsere Kirche, so können wir beispielsweise unsere Konzile als eine Neudurchführung des Nivellements ansehen. Und da gab es ja doch schon einige.
Verkompliziert wird das Ganze jedoch dadurch, dass nicht alle den gleichen Pegel verwenden. Das Nivellement in Deutschland erfolgte über den Amsterdamer Pegel, der eben nicht gleich dem Pegel Marseille im Mittelmeer ist, sondern etwas höher liegt. Diese 32 cm Unterschied spielen keine Rolle, wenn sie beim Matterhorn 4478 m angeben oder beim Bussen, dem heiligen Berg, Oberschwabens, 767 m. Aber, planen Sie eine Brücke über den Rhein zwischen den beiden Ländern Deutschland und Schweiz, sollten sie dieses miteinberechnen! Das ist auch in etwa der Höhenunterschied, den wir hier vor Ort in unserer Kirche haben, bei den ersten beiden Stufen zum Altarraum hoch. Na, und die letzte der drei Stufen, das wäre dann sozusagen der Unterschied zwischen dem Pegel Amsterdam und dem Pegel Kronstadt St. Petersburg, der bei 14 cm liegt. Und mit diesen Stufen ist es so, passt man da nicht auf, kann man stolpern. Es ist jedoch so, wie es ist mit unseren Meeresspiegeln und ein Streit darüber, welcher Pegel der ‚richtige‘ ist, wäre absolut mühselig. Vielleicht ist das auch zwischen unseren Konfessionen so. Wir haben halt unterschiedliche Pegel, auf die wir uns beziehen, wobei unser eigener, römisch-katholischer, für uns der Geeignetere darstellt. Unsere evangelischen Mitchristen haben halt ihren anderen Pegel, der deswegen nicht gleich falsch sein muss. Ebenso unsere orthodoxen Schwestern und Brüder. Man muss nur, wenn man Brücken bauen will, sich des Unterschiedes bewusst sein, sonst hakt es dann irgendwo.
Denken Sie jetzt nur nicht, na das mit der Höhe mag ja recht kompliziert sein, immerhin weiss ich jedoch, wo im Norden, Süden, Osten, Westen dieser Fels liegt. Wir haben ja alle in der Schule gelernt, dass es einen Äquator, Breitengrad, gibt und einen Nullmeridian, Längengrad, der bei Greenwich London hindurchgeht. Vielleicht sind sie schon etwas älter und besitzen aus dem Italienurlaub in ihren jüngeren Jahren noch eine Landkarte. Dort werden Sie womöglich noch den jenem Land ehemals eigenen Nullmeridian vorfinden, Monte Mario bei Rom. Sie sehen, unser so sehr feststehender Fels muss ganz schön von aussen verortet werden!
Kein Problem für Sie, denn Sie besitzen ja keine Karten, nur ein Navigationsgerät, dem müssen sie einfach folgen? Wussten Sie, dass die Kantonspolizei Uri in der Zentralschweiz jeden Monat 1-2 Autofahrer erwischt, die mitten im Gotthard-Strassentunnel, auf der Autobahn, wenden. Das ist zwar strikt verboten, aber denen hat halt ihr Navi das so gesagt. Und in Luzern bietet das Bild von Autos, die aus dem gleichen Grund von Touristen über die Rathaustreppe heruntergefahren worden sind, immer wieder Grund zum Kopfschütteln. Mein geistliches Leben möchte ich so nicht führen! Ein Katechismus kann eine Richtschnur geben, jedoch nicht ersetzen, an sich selbst für die richtige Orientierung mitzuarbeiten.
Jetzt steht er also da, unser Fels, derart von aussen verortet, dass man sich schon fragt, was ist daran eigentlich so fest? Dieser Felsen muss es mit einer Wahnsinnsgelassenheit über sich ergehen lassen, dass er richtig verortet wird, dass es Korrekturen in dieser Verortung gibt. Vielleicht ist das genau das, was den Fels Petrus am Ende ausgezeichnet hat. Nachdem er nachts im Garten Getsemani das Schwert herausgezogen hatte, nachdem er verängstigt vor dem Palast des Hohepriesters Jesus dreimal verleugnet hatte. Und nachdem er dreimal von Jesus nach der Auferstehung gefragt wurde „Simon, Sohn des Johannes, liebst Du mich?“, er mit ja geantwortet hatte und ihm dabei der Auftrag zukam „Weide meine Schafe.“ Diese felsenfeste Gelassenheit, immer wieder richtig verortet und am passenden Pegel ausgerichtet zu werden, wünsche ich uns allen im kommenden Jahr.

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