Das Schweigen der Lämmer

Autismus Forum Schweiz konnte 2012 einen Spot lancieren. Eine Szene aus dem Film Titanic von 1997, mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet als die fiktiven Charaktere Jack Dawson und Rose DeWitt Bukater, wurde mit speziellen Untertiteln versehen:

Titanic-Untertitel-Autismus

Menschen mit Autismus haben grösste Schwierigkeiten damit, Emotionen in den Gesichtern anderer Menschen zu erkennen. Selbst bei grossen Gefühlen wie im Film Titanic. Um zu demonstrieren, wie sich das anfühlt, haben wir die wohl romantischste Szene des Films mit Untertiteln ausgestattet, welche die gezeigten Gefühle beschreiben.

Das geht auch mir so, mit dem Erkennen der Emotionen in den Gesichtern der Mitmenschen. Ich verstehe nonverbale Kommunikation bzw. die Parasprache nur eingeschränkt oder auch gar nicht. Ich kann nicht verifizieren, ob es stimmt, Rose ist vertrauensvoll. Es könnte da auch stehen Rose hat Bauchschmerzen, was mir zu widerlegen schlicht und einfach nicht möglich ist.
Hingegen verstehe ich Redewendungen, Ironie, Zynismus etc. als sprachlich-stylistische Mittel in den meisten alltäglichen Fällen recht gut.

Wer mir gegenüber jedoch ohne Worte Freude ausdrücken möchte, macht das am Besten mit einem breiten Grinsen. Wer sich über mich ärgert, verziehe bitte deutlich das Gesicht. Aber, man erwarte bitte nicht von mir, dass ich subtile Gesten und Mimiken korrekt erkenne und das darin mir gegenüber Kommunizierte verstehe. Das geht schief!

Deswegen schätze ich auch in meiner heimischen Kirchengemeinde den Predigtstil eines Priesters im Seelsorgeteam sehr: Er verbindet seine Ausführungen, die mir auch vom textlich-inhaltlichen Stil zusagen, am Ambo mit einer für mich gut verständlichen weil ausgeprägten Gestik und Mimik.

Mit dem Erkennen von Emotionen in Gesichtern verbunden und ein typisches Merkmal in der direkten Kommunikation mit Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ist der flüchtige Blickkontakt. Auch ich habe Schwierigkeiten, den Blickkontakt zu meinem Gegenüber aufrecht zu erhalten. Das hat nichts mit Desinteresse an dem zu tun, was mir mein Gegenüber sagt oder gar an der Person an sich. Das heisst auch nicht, dass, wenn ich eine Aussage mache und nicht den Blickkontakt halte, das Gesagte eine geringere Relevanz besitzt oder gar nicht wahr ist. Neurotypische Menschen mögen das, weitgehend unbewusst, vielleicht jedoch mitunter so interpretieren.

Aber auch im Geschriebenen ist das, was zwischen den Zeilen steht, bei mir ein weitgehend inexistenter Kommunikationskanal. Das führt bei mir dazu, dass ich als Sender z.B. bei E-Mails sehr viel Zeit auf die Formulierungen verwende und alles in das zu Schreibende hineinpacke. Wodurch häufig sehr textintensive Nachrichten entstehen. Und trotzdem stelle ich manchmal fest: Menschen lesen mehr, als das, was ich gesagt bzw. geschrieben habe.

Maro Zehe hat in seinem Blog im Beitrag Kommunikation mit Aspies leichter gemacht geschrieben:

Der Mensch mit Autismus sendet eine verbale Botschaft, die genauso gemeint ist wie sie gesagt wird. Das ist in nahezu 100% der Fälle anzunehmen. Denn sich vorzustellen, auf welche Weise eine Aussage vielleicht interpretiert werden könnte, ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Das neuro-typische Gegenüber interpretiert dann eine solche Aussage doch, entweder aus Unwissenheit, aus Reflex (weil man das ja so in Gesprächen macht), und schon ist ein Missverständnis da, denn die Botschaft ist beim Empfänger anders angekommen als der Absender sie gemeint hat, und der Absender versteht wiederum nicht, auf welche Weise seine Aussage interpretiert wurde, weil es doch so viele Möglichkeiten gibt.

In der Kommunikationstheorie verwendet man das Eisbergmodell. Man geht davon aus, dass ca. 20% bewusst kommuniziert werden – vordringlich durch direkte Sprache – und ca. 80% unbewusst – vordringlich durch nonverbale Kommunikation oder Kommunikation zwischen den Zeilen. Das heisst auch, 80% der unbewusst gesendeten Kommunikation durch NT (neurotypische Menschen) ist für Autisten nicht, gestört oder nur mit einem hohen intellektuellem Aufwand, also einem Bewusstmachen, zu empfangen. 80% der Kommunikation, die vermeintlich Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung aussenden, weil sie von NT so wahrgenommen werden, sind gar nicht so gesendet worden. Diese Phantom-80% werden von NT üblicherweise dem Autisten dann oftmals folgendermassen zugeschrieben: besserwissend, arrogant, verletzend etc. – meistens also, wenn sie negativ wahrgenommen werden.

Ist die pauschale Annahme von neurotypischen Menschen, alle Menschen würden wie sie kommunizieren, nicht viel mehr eine Arroganz der Majorität gegenüber einer Minorität?
Es ist unser Versagen – – ich persönlich empfinde es jedenfalls als Versagen -, wenn wir etwas nicht empfangen können, was sie gesendet haben und sie etwas empfangen, was wir nicht gesendet haben . Aber ist es eine Schuld, die man uns anlasten kann?
Mit viel Aufwand installiert man an unseren Sakralbauten Rampen, damit Rollstuhlfahrer einen Höhenunterschied von zwei-drei Stufen zum Kirchenportal selbständig überwinden können. Oftmals besteht in Kirchen die Möglichkeit, die Signale der Lautsprecheranalage direkt mit dem Hörgerät zu empfangen. Gesangbücher werden in Grossdruck oder gar Brailleschrift herausgebracht. Man bemüht sich um Analphabeten und Legastheniker, entwickelt für sie sogar eigens eine Leichte Sprache, während Aspies ja im Gegenzug als Kinder schon durch eine grammatisch und stilistisch hochstehende Sprache auffallen. Ich selbst erhalte mitunter sehr positive Rückmeldungen dafür, wie ich, am Ambo stehend, spreche und ich werde vielleicht sogar von manchem für mein Talent, das in Punkto des fast akzentfreien Hochdeutschsprechens mit meinem Autismus zusammenhängt, beneidet.
Autismus gilt formell als eine seelische Behinderung (keine geistige!) und hat bis vor wenigen Jahren nach dem Sozialgesetzbuch in Deutschland zu einem Grad der Behinderung von mindestens 50 geführt.
Sind wir Autisten es nicht wert, Rücksicht gegenüber uns durch einen entsprechenden Aufwand in der Kommunikation mit uns zu betreiben, nur weil man uns unsere Einschränkung nicht ansieht, wir meistens nur als etwas exzentrische Persönlichkeiten im Alltag in Erscheinung treten?

Von Paul Watzlawick stammt die Aussage Man kann nicht nicht kommunizieren. Kommunikation ist definiert als der Austausch und die Übertragung von Informationen. Finden Austausch/Übertragung nicht statt, dann ist das nicht kommunizieren.

 

Ich habe in jungen Jahren einmal an einem Wochenende Exerzitien mitgemacht. Man beachte dabei, dass für Ignatianische Exerzitien, aber nicht nur für diese, gilt (Zitat nach dem Wikipedia-Artikel):

Die Exerzitien finden im Schweigen statt.

Wo wir als Gruppe zusammenkamen, bespielsweise zu den gemeinsamen Mahlzeiten, sassen wir Schäflein lammfromm da und haben geschwiegen.
Kommunikation? Auf der non-verbalen Ebene.
Kommunikation, die neurotypische Menschen unbewusst durchführen können aber für einen Autisten inexistent ist.
Also keine Kommunikation!
Das ist Horror und – um einen Begriff sehr wörtlich und nicht in seiner kirchenrechtlichen Bedeutung zu nehmen – Exkommunikation.

Advertisements

4 Gedanken zu “Das Schweigen der Lämmer

  1. „Ist die pauschale Annahme von neurotypischen Menschen, alle Menschen würden wie sie kommunizieren, nicht viel mehr eine Arroganz der Majorität gegenüber einer Minorität?“

    Aus meiner neurotypischen Perspektive: Nein, keine Arroganz, sondern Unwissenheit. Nonverbale Kommunikation ist uns NTs ja weitgehend angeboren. Wir vollziehen sie größtenteils unbewusst. Nur wenige Menschen variieren sie vorsetzlich (geschulte Redner, Schauspieler, Pokerspieler). Aber der überwiegende Teil der Mimik und Gestik läuft ganz automatisch ab. Ebenso die Entschlüsselung der nonverbalen Zeichen,- wir NTs denken darüber überhaupt nicht (bzw. selten) nach.

    Wenn dieser nonverbale Teil der Kommunikation, sei es beim Senden oder beim Empfangen/Entschlüsseln, nicht automatisch funktioniert, dann hilft nur Aufklärung. Dann braucht der neurotypische Partner eine klare Instruktion. Erst wenn der gut informierte NT sich weigert, sich darauf einzustellen, dann wäre es arrogant.

    „Sind wir Autisten es nicht wert, Rücksicht gegenüber uns durch einen entsprechenden Aufwand in der Kommunikation mit uns zu betreiben, nur weil man uns unsere Einschränkung nicht ansieht, wir meistens nur als etwas exzentrische Persönlichkeiten im Alltag in Erscheinung treten?“

    Doch! Klar seid ihr es wert! 🙂
    Nur müssen wir NTs noch viel lernen!
    Bitte fordert diesen Lernprozess ein! Und helft uns dabei!

    https://erdlingskunde.wordpress.com/2013/06/24/hm-wieviel-worte-brauchen-wir/

    Gefällt 1 Person

  2. „Aber der überwiegende Teil der Mimik und Gestik läuft ganz automatisch ab. Ebenso die Entschlüsselung der nonverbalen Zeichen, – wir NTs denken darüber überhaupt nicht (bzw. selten) nach.“
    Wenn die Person gegenüber gar nicht wahrnehmen kann, dass dies das Problem ist? Wie bekommt man die Scheuklappen weg?
    Um am Filmbeispiel Titanic zu bleiben: Wie kann ein Aspie-Jack einer NT-Rose klarmachen, dass er ihre Gesichtsausdrücke nicht lesen kann? Mit „Rose, ich bin Autist, kann keinen Blickkontakt halten und Deine Emotionen nicht aus dem Gesicht herauslesen.“ kann man gegen „Beim Kennenlernen zwischen Menschen, die eine Beziehung beabsichtigen, ist der erste ausdrucksstarke Blickkontakt von erheblicher Bedeutung.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Blickkontakt#Sonstiges) kaum Punkten!

    Gefällt mir

  3. „Wenn die Person gegenüber gar nicht wahrnehmen kann, dass dies das Problem ist? Wie bekommt man die Scheuklappen weg?“

    Schwere Frage!
    Aber auch auf die Gefahr hin, dass ich hier für einen altklugen Menschenerklärer gehalten werde, will ich eine Antwort versuchen. Nicht, weil ich es so gut wüsste, sondern als einen Versuch, darüber ins Gespräch zu kommen, verbunden mit einer herzlichen Einladung, zu widersprechen! Eine brauchbare Antwort können wohl nur diejenigen anbieten, die die entsprechende Erfahrung haben, die also selbst eine NT-Autist-Beziehung aufbauen konnten.

    Ich glaube, um Aufklärung, also das darüber Reden (oder Schreiben!), führt kein Weg vorbei. Fragt sich nur, zu welchem Zeitpunkt.

    Klar, ein „Hey du, ich finde dich attrakitv, bin aber Aspie und weiß nicht wie Flirten geht“ wäre kein so romatischer Einstieg in eine Beziehung! Aber ich bin sicher, dass es Alternativen zum Blickkontakt auf der Party als Flirtbeginn gibt. Nur sind die mühsamer.

    Schreiben, Chatten fällt mir spontan ein. Gemeinsame Aktivitäten auf Interessensgebieten, also erst einmal „Kameradschaft“ und nicht gleich „Freundschaft“. Wenn es da eine Zeit lang wenigstens ein bischen Miteinander gibt, wäre ein offenes Wort schon angebracht, finde ich. Das wäre auch hilfreich für den NT, der ja auch unsicher ist und nicht weiß, weswegen sein Gegenüber so „anders“ ist. Je nachdem, wie sich der NT dann auf diese Situation einlässt, entscheidet sich wahrscheinlich schnell, ob er für näheren Kontakt mit einem Autisten überhaupt taugt. Sicher, das gibt wahrscheinlich erst einmal eine lange Reihe von Enttäuschungen. Aber etwas besseres, als Geduld zu haben, fällt mir jetzt auch nicht ein.

    https://erdlingskunde.wordpress.com/2013/11/01/schau-mir-nicht-so-in-die-augen-kleines/

    Gefällt mir

  4. Diese Roadmap für eine NT-Aspie-Paar-Beziehung klingt in der Theorie gut.
    Wie ist es in der Praxis?

    Anders als andere?! Autismus und Sexualität
    (http://www.fgz-goettingen.de/downloads/Autismus_und_Sexualitaet.pdf)

    „Das Hauptproblem, das sich aus der autistischen Störung im Zusammenhang mit Sexualität ergibt ist die Schwierigkeit, in Beziehungen zu treten, sie zu verstehen und sie zu erhalten. Dies ist unabhängig vom kognitiven Level, von der Sprachfähigkeit und am Interesse vom Kontakt zu anderen. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Vorstellungskraft, bzw. die Fähigkeit, sich die Resultate eigener Aktionen vorzustellen und vorhergegangene Erfahrungen und Konsequenzen aufzurufen, die helfen könnten, was jetzt oder später geschehen wird. Diese Störungen haben tiefgreifende Effekte auf das sexuelle Verhalten.
    […]
    Freundschaften, Verliebtheit, intime/sexuelle Beziehungen oder sogar Heirat und Gründungen von Familien sind bei autistischen Menschen fast nicht zu beobachten. Die Erklärung hierfür sehen die AutorInnen in der autistischen Störung selbst: soziale und kommunikative Störungen hindern vom Kleinkindalter an das Eingehen von Beziehungen. Auch die in der Pubertät verstärkten sexuelle Impulse werden kaum in Experimente mit anderen (flirten, verliebt sein, vorsichtige Kontaktversuche, eingehen sexueller Beziehungen, etc.) umgesetzt. Die Schwierigkeit auf andere zuzugehen, sich liebevoll zu nähern und die (sexuellen) Spiel-Regeln zu verstehen, führen letztlich zur Abwesenheit von sexuellen Beziehungen zu anderen.“

    Das ist natürlich auch davon abhängig, wo man innerhalb des Spektrums sich befindet. Um bei der klassischen Unterscheidung zwischen „Asperger“ und „Kanner/Frühkindlicher Autismus“ zu bleiben, steht der „Asperger“ diesbezüglich besser da, da meist die Empathie-Fähigkeit ausgeprägter ist. Es zeigt sich aber auch, dass Frauen mit einer ASS eher in einer Paar-Beziehung leben als Männer mit einer ASS. Dafür sorgt die klassische Rollenverteilung, die dem Mann den aktiveren Part bei der Paarbildung zuschreibt.

    Mein eigener Empathie-Quotient – auf dem Testbogen ermittelt, den ich zur Diagnoseerstellung abgegeben habe – liegt übrigens bei 7, auf einer Skala von 0 bis 80 (http://www.aspergia.de/index.php?cat=Tests).

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s