Zwischen den Stühlen

Auf Facebook habe ich das Posting einer dort mit mir befreundeten Person gefunden:

Manchmal steht doch auch was Wichtiges in der Zeitung. So wie heute in der Rhein-Neckar-Zeitung.

Heute, am 21. Januar, ist der KNUDDELTAG
Knuddeln ist gesund, dies hat die Universität Wien nachgewiesen. Umarmungen haben positive Auswirkungen auf die Gesundheit und führen dazu, dass ein Hormon, das auch „Kuschelhormon“ genannt wird, ausgeschüttet wird. Zudem helfen Liebkosungen, Stress abzubauen, sie senken den Blutdruck, steigern die Konzentrationsfähigkeit und tun der Menschenseele gut. In der stressigen Welt wird das Zeigen von Gefühlen oft vernachlässigt.
[…]
In der kalten und dunklen Jahreszeit sollen Freunde und Familienmitglieder ihre Liebsten umarmen, um depressive Stimmungen abzubauen. Es wird jedoch davor gewarnt, am Knuddeltag willkürlich Fremde in den Arm zu nehmen und herzhaft zu drücken. Das könnte das Gegenteil bewirken. Nämlich puren Stress!
von Elena Beckmann

Gerade die Warnung sollte man beachten, denn:

Manche Autist_innen mögen es generell nicht, berührt zu werden, manche mögen unerwartete Berührungen nicht, bei manchen sind bestimmte Körperbereiche besonders empfindlich, z.B. die Kopfhaut oder die Handgelenke. Häufig sind auch Abneigungen gegen bestimmte Kleidungsstücke aufgrund von sensorischen Problemen. Manche Autist_innen mögen keine leichten Berührungen, finden festem Druck aber angenehm. Temple Grandin entwarf aus diesem Grund ihre “Hugbox” oder “Squeeze Maschine”, deren kräftiger Druck sie entspannte.

Mir geht es zwar nicht ganz so wie Sophie mit ihrer 20-25 kg Gewichtsdecke, aber ich decke mich gerne mit zwei schweren Bettdecken plus die Tagesdecke in der unteren Körperhälfte zu. Und aktuell lege ich mich manchmal im Verlauf des Tages gerne einfach ein paar Minuten hin und decke mich so zu. Das tut mir gut. Immerhin konnte ich bisher auf eine Pressure Vest oder Vergleichbares verzichten und werde das wohl auch nie brauchen.

 

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal bei uns im Dorf im Saal des Gemeindehauses/Pfarrheims sass, plötzlich legte mir eine Person ihren Arm um meine Schulter und drückte mich. Dazu sagte sie mir ein Danke für meine ehrenamtliche Dienste. Das war nett gemeint, ist aber bei autistischen Personen eigentlich ganz klar ein Tabu! Ich war kurz erschrocken und heilfroh, dass nicht ‚mehr passiert‘ ist. Ich habe auch einen Freund in Frankfurt, einen ehemaligen Studienkollegen. Wenn wir uns sehen, dann gibt es eine feste Umarmung zur Begrüssung. Das mag ich (nein, ich bin nicht homosexuell).

Bei einer anderen Gelegenheit sass ich vor dem Gottesdienst in unserer Kirche in der Bank. Eine mir bisher unbekannte Person tauchte plötzlich auf, kam in die gleiche Bankreihe, mit einem „Darf ich bitte?“ (autistisch-typisch wie aus dem Lehrbuch, die Antwort von mir auf jene an sich rhetorische, aber im ersten Moment als Frage verstandene ‚Frage‘: „Ja“!) an mir vorbei und hat sich mit zwei-drei Meter Abstand neben mich gesetzt. Mehrere Bankreihen dahinter waren jeweils leer, die davor sowieso. Ich habe eine leichte Panik in mir gespürt (Was will diese mir unbekannte Person hier? Muss die unbedingt hier sitzen? Es gibt doch in den anderen Bankreihen viel mehr Platz!), sie ist jedoch nicht offen ausgebrochen und sie konnte langsam zurückweichen. Hingegen kenne ich viele regelmässige Kirchgänger bei uns zumindest vom Sehen her, nehme diese denn auch nicht als Fremde wahr. Das ist dann wieder etwas anderes.

Es gilt auch für neurotypische Menschen, dass diese sich nicht wohlfühlen, wenn bestimmte Abstände nicht eingehalten werden. Dies ist die Theorie der Distanzzonen. Aber es ist eben auch dieses Das ist doch bei uns auch etc., das Daniela Schreiter alias Fuchskind in einem Comicbild schön zum Ausdruck gebracht hat und es gibt wohl kaum einen Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung, der das nicht kennt! Die Annahme, das jene Distanzzonen bei autistischen Menschen gleich bestehen, ist eine gefährliche Annahme, denn diese Distanzzonen sind Teil der Körpersprache. Und die Körpersprache besitzt bei autistischen Personen eine andere Quantität und auch eine andere Qualität als bei neurotypischen. Aufgrund der Mind-Blindness, die ich schon in meinem Beitrag Das Schweigen der Lämmer thematisiert habe, ist es zudem für mich unerheblich, mit welcher Absicht sich mir eine Person nähert. Dann gilt das generelle Verhältnis zu der Person. Üblicherweise kann ich neutral mit einer gewissen Nähe umgehen und es wissen nur wenige Menschen in meinem Bekanntenkreis von einem diesbezüglichen Problem mit mir zu berichten. Ich habe es jedoch einmal am Arbeitsplatz erlebt, wie es im Zusammenspiel mit anderen Faktoren in einer Konfliktsituation zu einem Meltdown geführt hat.

 

Als ich meine erste Wort-Gottes-Feier geleitet habe, da sassen rechts und links von mir je einer von unseren Ministranten. Die entsprechenden Sitzgelegenheiten im Altarraum stellen sich folgendermassen dar:Kirche Altarraum StühleVorwiegend habe ich zwar die enorme Aufregung der Premiere gespürt. Aber auch ein etwas unangenehmes Gefühl, während ich dort sass, denn mir waren die beiden doch irgendwie zu nahe.

Bei meiner zweiten Wort-Gottes-Feier habe ich dann ca. 15 Minuten vorher die beiden Hocker rechts und links um je ca. 20 cm verschoben um Abstand zu gewinnen. Nur sind da dann keine Ministranten gekommen…

 

Übrigens: Der Fussboden im Altarraum in unserer Dorfkirche besitzt ein phantastisches Muster (ach ja, Autisten und Muster…)! Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Kirche Altarraum Muster Fussboden

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2 Gedanken zu “Zwischen den Stühlen

  1. Ich kann mir wohl auf die Fahnen schreiben, dass ich, wenn ich etwas will, auf Leute zugehen kann. Ich habe beim Friedensgruss eigentlich noch nie Probleme gehabt. Ich wende mich den Leuten zu und drücke Ihnen die Hand (und grinse breit…). Man darf nicht vergessen: Es handelt sich beim Friedensgruss, wie auch bei einer Begrüssung sonst, um ein Ritual, nicht um eine spontane, intuitive Geste. Und als ein solchen Ritual funktioniert das bei mir. Auch hier spielt natürlich der Blickkontakt hinein. Den kann ich, wie übrigens auch bei der Kommunionausteilung, einleiten und für die kurze Phase auch aufrechterhalten. Für mehr reicht es jedoch nicht.
    Gerade deswegen wirke ich im Alltag so ’normal‘ d.h. neurotypisch und habe die Diagnose so spät erhalten. Die Verdachtsdiagnose wurde zwar auch aufgrund von Auffälligkeiten im Gespräch festgemacht, aber in hohem Masse an der Art meiner Tics (Komorbidität, die als F95.1- chronische motorische oder vokale Tics – diagnostiziert ist, jedoch nicht als F95.2 – kombinierte vokale und multiple motorische Tics (Tourette-Syndrom)). Obwohl es gerade diese Tics waren, weshalb ich schon als Kind bei einem Psychiater war und die früher nie jemand zuordnen konnte. Das ‚autistische‘ an mir wurde von den meisten Menschen immer als Introvertiertheit wahrgenommen.

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