Formal

Auf dem Weblog NT trifft Aspie erschien am 19.04.2015 der Beitrag
„Hallo und guten Tag“
mit dem Textbeginn:

„Neulich fragte mich ein Aspie, warum ich ihn in Emails immer noch begrüße. Ich musste überlegen.“

Ich würde diese Frage nie stellen. Die Chance ist leicht grösser, dass ich mich sogar beschweren würde, warum nicht eine Form eingehalten wird, in der es nicht wenigstens „Hallo“ heisst, wenn man mich persönlich und direkt anspricht oder anschreibt. Dabei stehe ich selbst mit „Hallo“ etwas auf dem Kriegsfuss. Nicht unter Freunden. Ich mag es nur nicht, wenn ich im heimatlichen Ravensburg und Umgebung irgendwo einkaufe und eine mich bedienende und mir nicht näher bekannte Person schleudert mir ein „Hallo!“ entgegen. Da erfolgt meine Antwort eigentlich immer mit dem in der Region traditionellen „Grüss Gott!“

Als Bibliothekar mit einer Spezialisierung im Bereich der Formalerschliessung bin ich ein sehr formal denkender Mensch. Aber auch als jemand, der auf eine lange persönliche Zeit mit ehrenamtlicher Tätigkeit in der Kirche zurückschauen kann. Liturgie ist eine sehr formale Angelegenheit. Wer kennt nicht den Spruch „Es ist doch jeden Sonntag immer gleich in der Kirche!“ Ja und Nein. Die liturgische Form gibt den feststehenden äusseren Rahmen, der mit Inhalten zu füllen ist. Ich bin jemand, der nach dem 2. Vatikanischen Konzil mit der darauffolgenden stark veränderten Liturgie aufgewachsen ist und ich habe meine Heimat im heutigen römische Ritus gefunden. Es kann aber auch eine andere als die vorwiegend durchgeführte Form mal ganz reizvoll sein. Ich habe einmal aus Neugier eine Tridentinische Messe (1962er-Ritus, die sogenannte ausserordentliche Form) besucht und ich war auch schon in Messen nach dem byzantinischen Ritus. Aber jeder Ritus ist für sich auch wieder eine Form. Ritus hängt mit Ritual zusammen – und viele Autisten lieben Rituale.

Ich stelle auch bei mir fest, dass ich z.B. in Abläufen gewisse Formeln idealerweise niedergeschrieben brauche, weil ich sonst dazu neige, sie zu vergessen:
– „Wort des lebendigen Gottes“ am Ende der Lesung habe ich verinnerlicht. „Der Leib Christi“ bei der Kommunionausteilung ist auch keine Schwierigkeit. Automatismen, die durch hohe Routine erworben werden, sind kein Problem.
– An Gründonnerstag wird bei uns unter beiderlei Gestalt die Kommunion ausgeteilt. Dieses Jahr war ich Kommunionhelfer und hatte den Kelch in der Hand. Da habe ich doch anfangs glatt „Das Blut Christi“ vergessen zu sagen. Danke an unseren Pfarrer, der mich darauf aufmerksam gemacht hat. Es ist halt bei uns nur einmal im Jahr.
– Wie lautet es nochmals an Aschermittwoch? Das ist auch nur einmal im Jahr und dieses Jahr war es für mich das erste Mal, dass ich das Aschekreuz mitausgeteilt habe: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst“. Puh, dieses sich bei der damit verbundenen Aufregung zu merken, ist auch nicht einfach. Vor allem, wenn ca. 15 Minuten vor Beginn der Messe die Entscheidung fällt, ich könnte da gut mithelfen.
– Als ich in meiner letzten Wort-Gottes-Feier die Einleitungsformel „Lasset uns beten“ vor dem Tages- und Schlussgebet nicht in den Ablauf hingeschrieben hatte, habe ich vergessen, sie zu sagen. Ich habe mich im Nachinein sehr darüber geärgert.
Es ist aber nichts, wo durch hohe Routine die Schwierigkeiten beseitigt würden, wie die ersten beiden Beispiele zeigen.

Das ist dieses für Asperger-Autisten nicht untypische Sich-nur-auf-eine-Sache-zugleich-konzentrieren-können. Man spricht mitunter verkürzt auch von einem parallel geschalteten Hirn. Die Multitasking-Fähigkeit von Asperger-Autisten ist dementsprechend auch eingeschränkt. Bevor jetzt jemand ankommt, es sei ja generell so, dass Frauen Multitasking eher als Männer könnten – tja, nicht umsonst wurde in Bezug auf Autismus die Extreme Male Brain Theory von Simon Baron Cohen entwickelt.

Mir ist es leider auch bei Vorstellungsgesprächen im Beruf schon so gegangen, dass ich dann bei der Verabschiedung die Namen der Gesprächsteilnehmer nicht mehr präsent hatte. Was mir sehr peinlich war. Ein ärgerlicher Fauxpas. Nicht nur, weil er einem alles ruinieren kann.

Es kann mir auch passieren, dass ich Leute übersehe und sie deswegen nicht grüsse. Das kann mich auch ärgern. Aber ob das jetzt so Autismus-typisch ist?

Da der Blogger von NT trifft Aspie im IT-Bereich arbeitet, hege ich die Vermutung, dass es so, wie er in seinem Beitrag angibt, eher typisch für Menschen in diesem Umfeld ist – sogar recht unabhängig davon, ob Autist oder NT. Es handelt sich wohl mehr um eine IT-Nerd- als um eine Aspie-typische Sache.

Nein, ich bin nicht der, der es komisch findet, dass sprachliche Formalitäten verwendet werden, normalerweise schätze ich sie sehr. Und E-Mails sind für mich elektronische Briefe und stehen ihrem Papierpendant näher als die ebenfalls elektronischen Kurznachrichten.

Und ich stelle für mich auch wieder fest, ich mag dieses Klischee nicht sonderlich:

Asperger-Autist = IT-Nerd

Nein, nicht jeder Asperger-Autist ist ein IT-Spezialist und nicht jeder IT-Nerd mit seiner etwas verschrobenen Persönlichkeit gehört deswegen gleich ins Spektrum. Ich will noch nicht mal ausschliessen, dass es auch bzgl. Autismus-Spektrum-Störung zu dem Phänomen kommt, dass schrullige Typen sagen: „Ich habe zwar keine Diagnose und die brauche ich nicht, aber mir ist klar, dass ich Asperger-Autist bin. Ich passe ja ins Schema, ich arbeite unter anderem auch in der IT-Branche.“ Sie weisen aber ansonsten keine weiteren deutlich zu Tage tretenden Komorbiditäten auf. Aha! Soetwas nährt jedoch leider nur das dumme Gerede von der Mode-Diagnose Autismus.

Nach Rain Man scheint mir IT-Nerd leider das nächste falsche Klischee über Autisten zu sein.

Es ist gut, dass es grosse Firmen wie SAP oder vor kurzem sogar Microsoft gibt, die Stellen entsprechend den Anforderungen für Menschen im Spektrum schaffen.
Es ist gut, dass kleinere Firmen wie Auticon, Asperger-Informatik und ähnliche existieren.
Es ist auch richtig, dass in den Medien darüber berichtet wird.

Ja, ich kann mir einen PC aus Einzelteilen zusammenbauen und Betriebssystem sowie Programme installieren.
Ich habe jedoch ein Fachhochschulstudium im Bibliothekswesen absolviert und mich in der Diplomarbeit mit historischen Landkartendrucken beschäftigt. Ich habe ein postgraduales Universitätsstudium für historische und Sondermaterialien absolviert und in der Diplomarbeit ein komplexes Thema in einer neuzeitlichen Handschrift aus klösterlicher Provenienz behandelt. Ich habe einmal drei Semester Theologie studiert, war Ministrant und bin heute Lektor und Kommunionhelfer. Ich liebe Printmaterialien wesentlich mehr als E-Books. Ich bin autistisch – aber ich bin kein IT-Nerd!

Ich habe über ein paar Facebook-Gruppen Kontakt mit vielen verschiedenen Menschen aus dem Spektrum, die in vielen unterschiedlichen Berufsfeldern tätig sind. Es gibt unter ihnen tatsächlich diejenigen, die einen sehr ausgeprägten IT-Bezug besitzen, wie z.B. Mela Eckenfels. Es gibt natürlich Aspies, die auch IT-Nerds sind. Es gibt aber mehr IT-Nerds, die nicht autistisch sind.

Asperger-Autisten findet man in vielen verschiedenen Berufen, wie auch zwei Beispiele von etwas prominenteren Personen zeigen:
Christine Preißman, Ärztin
Peter Schmidt, Geophysiker
Und nach meiner Meinung gibt es sie mehrheitlich sogar ausserhalb der IT-Branche. Dazu existiert ein schönes Comic-Bild von Daniela Schreiter alias Fuchskind – noch jemand mit Asperger-Syndrom, der beruflich nicht in der IT-Branche ist.

Und wer weiss, womöglich gibt es auch im römisch-katholischen Klerus den einen oder anderen Asperger-Autisten?

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2 Gedanken zu “Formal

  1. Hehe, ich erkenne Leute sowieso nicht wieder, es sei denen, an gemerkten Umständen (wie Autokennzeichen, den typischen Ort, und/oder eine unveränderliche Personenbeschreibung wie, reales Beispiel, 1.90 groß, Glatze und Schuhgröße 47), also nützt mir das Namen aufschreiben eh nichts.
    http://www.prosopagnosie.de .

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