Brief an einen autistischen Jungen

Unter Briefe an einen zehnjährigen Autisten werden Briefe (Blogeinträge etc.) an einen 10jährigen autistischen Jungen veröffentlicht. Es heisst dort:

„Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt. Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht. Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein. Erzählt ihm, wie ihr als Zehnjährige wart, was gut war und was doof, und wie es weiterging. Erzählt, was euch immer einfällt und ihr ihm gerne sagen wollt.“

Natürlich war ich auch einmal 10 Jahre alt. Allerdings wusste ich damals noch nichts davon, dass ich autistisch bin. Viel später, als Jugendlicher, habe ich mal diesen „Rain Man“-Film gesehen, da aber das autistische Spektrum derart breit und der Autismus bei jeder Person anders ausgeprägt ist, wird man zwischen dem von Dustin Hoffman dargestellten Protagonisten Raymond Babbitt und mir weniger Übereinstimmungen finden, als zwischen mir und vielen neurotypischen Menschen. Und selbst bei Filmen wie Adam – Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der Andere, Mozart und der Wal sowie Im Weltraum hat es keine Gefühle tue ich mir mitunter recht schwer, mich wiederzuerkennen. Meine Diagnose habe ich erst nach meinem 40. Lebensjahr erhalten, wo Kindheit, Jugend, Schule, Studium und eine gehörige Portion des Berufslebens schon hinter mir liegen.

Wie war es bei mir, als ich ca. 10 Jahre alt war? Zu jener Zeit lebte ich in dem Dorf in dem ich auch heute wieder lebe, ca. 10 km von der oberschwäbischen Kleinstadt Ravensburg entfernt. Ich hatte bis zu meinem 9. Lebensjahr eigentlich eine angenehme Kindheit. Ich bin als Einzelkind grossgeworden und dadurch, dass ich immer ein eigenes Zimmer hatte, war für mich auch immer genügend Rückzugsraum gegeben. Zudem läuft es auf dem Dorf ruhiger ab als in einer Grossstadt. Ich hatte mit 9 Jahren im Frühjar 1981 bei uns in der römisch-katholischen Dorfkirche meine Erstkommunion. Danach begab sich mein Vater zu seiner zweiten Herzoperation an die Universitätsklinik nach Freiburg im Breisgau. Meine Mutter und ich pendelten im folgenden halben Jahr zwischen unserer Wohnung und Freiburg hin- und her. Das war ein enormer emotionaler Stress. Unter diesem enormen Stress wurden das erste Mal meine Tics für jeden deutlich sichtbar. Nach einer Verlegung aus Freiburg in das Elisabethen-Krankenhaus in Ravensburg verstarb mein Vater im Herbst 1981. Für mich überraschend und wie ein Schock, da ich die Verlegung als Anzeichen der Verbessung gedeutet hatte. Es erfolgte auf die Nachricht vom Tode ein Reaktionsmuster, das man wohl als „typisch autistisch“ bezeichnen könnte. Ich weinte vielleicht zehn Minuten. Am nächsten Tag musste meine Mutter mich davon abhalten wie gewöhnlich zur Schule zu gehen. Meine Mutter musste mich auch davon abhalten, dass ich an der Beerdigung meines Vaters als Ministrant teilnehme. Getrauert habe ich auf meine Art: Ich habe die folgenden ca. 2 Jahre in meinem Schulfüller nur Patronen mit schwarzer Tinte gehabt. Die Lehrer haben es geduldet, vielleicht auch, weil es keine Bestimmung gab, die das untersagt hat. Es ist zudem wahrlich keine angenehme Erinnerung, am offenen Sarg einer Person zu stehen, zu der man ein inniges Verhältnis hatte. Das hat mir ein Trauma beschert, das ich erst als Erwachsener unter widrigen Umständen ein ganzes Stück weit aufarbeiten konnte. Meine Mutter ist, primär wegen meinen Tics, damals mit mir zu einem Psychiater gegangen, der aber auch nur etwas von Gehirnrheuma faselnd nach ein paar Sitzungen aufgegeben hat. Kenntnisse über Autismus oder gar den Begriff Asperger-Syndrom durfte man damals von so einem Kleinstadt-Psychiater auch nicht unbedingt erwarten. So war ich, als ich ca. 10 Jahre alt war, hauptsächlich damit beschäftigt, mich in meiner Situation als Halbwaise zurechtzufinden.

Wer immer Du bist – und da Du Dich selbst als defekt ansiehst, gehe ich davon aus, dass Du Dir Deines Andersseins durch den Autismus sehr bewusst und Du intelligent bist – lass Dir von meiner Seite vor allem eines sagen: Wenn beide Deiner Eltern noch leben, dann hast Du möglicherweise ein schöneres Leben, als ich es mit 10 Jahren hatte, unabhängig vom Autismus. Ich habe mich als Halbwaise defekter gefühlt als wegen etwas, von dem ich bis vor nicht allzulanger Zeit gar nicht wusste, was es ist, was mich vorwiegend etwas verschroben und sonderbar macht.

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