Dur und Moll

Neben meinen Tätigkeiten als Lektor und Kommunionhelfer beteilige ich mich auch an der musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten. Nein, ich bin kein Organist, ich habe eine Westerngitarre und einen E-Bass. Beide Instrumente besitze ich seit meiner Schulzeit.

Ich habe mich da zwei Frauen angeschlossen – eine spielt ebenso Gitarre, die andere Akkordeon -, die schon, bevor ich dazugestossen bin, diese Aufgabe ausgeführt haben. Meist geht es um monatlich eine Werktagabendmesse und die gespielten Lieder sind vorwiegend in dem in der eigenen Diözese Rottenburg-Stuttgart entstandenen Liederbuch Erdentöne-Himmelsklang enthalten.

Wenn ein Lied in einer anderen Tonlage als die angebene als besser zu Singen angesehen wird, dann wandert mitunter auch schonmal ein Stift über die Seiten von Privatexemplaren jenes Liederbuches, um die dann gültigen Akkorde hinzuschreiben. Nun sind ja Handschriften etwas Individuelles und manchmal ist der Unterschied zwischen einem „C“ und einem „c“ nicht zu erkennen.

Frage von mir: „Was ist das für ein Akkord?“
Antwort: „Ein normales C, kein Moll.“

Aha! Dumm gelaufen, wenn man mit so einer Antwort an jemanden wie mich gerät, der leicht darüber ins Grübeln kommt. Ohne jetzt darauf einzugehen, dass man womöglich auch per Gefühl und Harmonielehre hätte darauf kommen können, ob es C-Dur oder c-Moll ist, fällt an dieser Aussage auf: Dur ist normal. Wenn aber der Dur-Akkord normal ist, was ist dann der Moll-Akkord?

Das Gleiche findet man ja auch in Bezug auf Autismus. Man liest und hört oft von normalen Menschen, im Vergleich zu autistischen Menschen.
Es ist verständlich, dass autistische Menschen das so ablehnen und deswegen für nicht-autistische Menschen den Begriff Neurotypisch kreiert haben.

Was ist denn aber beispielsweise an Menschen im Rollstuhl nicht normal? Dass sie nicht wie jeder normale Mensch gehen können? Ich meine, es kommt seltener vor, in Bezug auf körperbehinderte Menschen andere, nichtkörperbehinderte Menschen als normal zu bezeichnen und dadurch dem körperbehinderten Menschen eine Normalität abzusprechen, als dies der Fall ist, wenn über Autisten berichtet wird. Gerade wenn es um Personen mit der Diagnose Asperger-Syndrom geht, die, wie ich, vorwiegend durch eine gewisse, aber für neurotypische Menschen oft schwer zu definierende Seltsamkeit auffallen.

Ist es aber in unserer Gesellschaft nicht auch wie in der Musik? Man kann ein Musikstück komponieren und nur Dur-Tonarten verwenden. Man kann auch, seltener, nur Moll-Tonarten einsetzen. Normal ist jedoch das Vorkommen von sowohl Dur- als auch Moll-Tonarten.
Und gerade dadurch lebt die Musik.

Advertisements