Keine Ausreden mehr für Seelsorger – Buch besorgen!

Vergangenes Wochenende war es mir nicht möglich, direkt am Sonntag die Hl. Messe in der Kirche bei mir im Dorf, Mariä Geburt in Mochenwangen, zu besuchen. Daher bin ich auf die Vorabendmesse ausgewichen. Die findet nunmal im Wechsel statt, in einer der fünf Gemeinden, die die Seelsorgeeinheit Westliches Schussental im Dekanat Allgäu-Oberschwaben bilden. Zu St. Petrus und Paulus in Berg habe ich zudem einen positiven Bezug, da es die Hochzeitskirche meiner Eltern war (Anmerkung am Rande: Mein Vater hat in der Qualitätskontrolle bei der Firma Rafi in Berg gearbeitet, eines Herstellers von Schaltungen etc. und Spielzeuge in der Kindheit waren eben u.a. auch Tastenkappen der Firma Rafi. Und was macht so ein kleiner Aspie mit diesen Tastenkappen, obwohl wahrscheinlich nicht nur der kleine Aspie? Er sortiert sie nach den Symbolen, die sich auf den Tastenkappen befinden. Das waren zwar auch Zahlen, jedoch vorwiegend Buchstaben. Es ergibt sich daher die Frage, ob diese Rafi-Tastenkappen mich dahingehen geprägt haben, dass ich eine starke Wortassoziation besitze und nicht so sehr dem Klischee des Zahlen-Aspies entspreche). Nachdem ich am Wochenende davor sonntags die Wort-Gottes-Feier bei uns in Mochenwangen leitete, war es dann auch mal ganz angenehm, nicht schon wieder irgendwie im Dienst zu sein. Auch wenn ich meine Dienste gerne ausübe. Es ergab zudem eine schöne kleine Farradtour hin und zurück!

Wie in jeder Gemeinde unserer Seelsorgeeinheit so war auch in Berg an diesem Wochenende die Vorstellung der Firmbewerber, also der Jugendlichen, die sich darauf vorbereiten, das Sakrament der Firmung zu erhalten. Da verkrümmelten sich also drei bis vier Handvoll Jugendliche im Alter von ca. 15 Jahren in den Seitenbänken ganz hinten und kamen gerade einmal zur eigentlichen Vorstellung nach vorne – abgesehen von denen, die unter den Ministranten waren, denn diese standen ja sowieso schon vorne. In der eigenen Kirchengemeinde hätte ich wahrscheinlich zwei oder drei Personen gekannt, aber ich hege die Vermutung, viel mehr auch nicht.

Wenn auch die Firmung in der römisch-katholischen Kirche und die Konfirmation in den Kirchen der Reformation theologisch nicht identisch sind, die jungen Leute sind in einem vergleichbaren Alter.

Heute am Vormittag bin ich dann nämlich auf den Blogeintrag von Mädel in ihrem Innerwelt-Blog gestossen:

Konfirmation… Träume, Vorstellungen und die Hoffnung

Sie schreibt dort über ihren Sohn:

Ihm geht es, denke ich, tatsächlich um diese Gemeinschaft. Endlich dazu gehören. Nette Menschen. Kein Mobbing mehr. Hier müssen sie mich annehmen, wie ich bin. Endlich Freunde.
Ich hoffe wirklich, er wird nicht enttäuscht.

Ich habe diese Gemeinschaft in meiner Jugend erfahren dürfen. In der Kirche. Als Ministrant und in der Jugendgruppe bzw. -band. Ich wünsche ihm ebenso gute Erfahrungen!

Erschrocken hat mich dann doch, wie der Beitrag weiterging:

In der Kirche wollte mein Sohn einen Außenplatz, damit er nicht inmitten der Leute sitzen muss. Er kann Körperkontakt nur sehr schwer ertragen. Als er auf einen Platz zusteuerte wurde er vom Pfarrer gebremst. Der Platz ist für die Rollstuhlfahrer reserviert.
[…]
Mein Sohn hätte sich ja auch für einen Außenplatz an der Wand interessiert, aber da war alles voll und um einen zu bekommen, hätte er die Leute zum einem ansprechen und zum anderen sich durchzwängen müssen.

Ich bevorzuge in meiner heimatlichen Dorfkirche in Mochenwangen auch diejenigen Plätze, die in den Bankreihen ganz aussen liegen. Idealerweise einen von denen, der benachbart zu einer der Säulen ist. Das bietet eine gewissen Schutz gegen die Reizüberflutung. Und auch die von mir am Samstag besuchte Kirche in Berg besitzt in der durchgehenden Mittelreihe diese Bänke, die zwar mit einem deutlichen Abstand zu einer Säule enden, aber einen vergleichbaren Effekt bieten. Ich kann es zwar auch aushalten, mitten in der Bank zu sitzen, aber diese Randposition ist doch ein deutliches Stück angenehmer. Ich kann das von daher ein Stück weit nachvollziehen, wie schwierig es für den Sohn von Mädel gewesen sein muss.

Gut, ich bin die letzte, die einem Rollstuhlfahrer den Platz nehmen würde, das mal dazu, aber hallo Barrierefreiheit, auch für weniger offensichtliche Behinderte. Da bist du ja wieder.

Am Sonntag sass ich dann zweimal jeweils länger als zwei Stunden in einem fast vollbesetzen Reisebus. Unter den vielen Personen waren auch ein kleines Kind mit Down-Syndrom sowie eine erwachsene Frau im Rollstuhl. Vom Organisator dieser Fahrt wurde die Mühe, die jene Frau im Rollstuhl auf sich genommen hat, lobend erwähnt und von allen Businsassen mit einem Applaus gewürdigt. Was die Leute über diesen komischen Typen gedacht haben, der diese merkwürdigen Zuckungen hatte und lieber mit Ohrhöhrern im Ohr („Autistenstöpsel“) dasass, anstelle sich mit seinem Sitznachbarn zu unterhalten (wie unhöflich!), bwz.. bei den paar Worten, die er getauscht hat, diesem Sitznachbarn nicht richtig in die Augen gesehen hat, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Es ist richtig, dass Aufzüge, Rampen und weitere Hilfsmittel bestehen, um Menschen im Rollstuhl die selbstbestimmte Teilnahme im Alltag zu ermöglichen. Und wenn es ein Reisebus ist, der eben nicht über einen Niedeflureinstieg verfügt, dann stehen in einer geschlossenen Reisegruppe genügend Leute parat, Hilfe zu leisten. Aber, warum scheinen von vielen Menschen als Behinderungen nur diese angesehen zu werden, die durch sichtbare Hilfsmittel aus dem Sanitätshaus erkennbar sind: Rollstuhl, Krücken, Blindenstock o.ä.? Oder sie sind durch bestimmte körperliche Merkmale erkennbar, wie z.B. beim Down-Syndrom? Wobei eben auch diesbezüglich Anhaltspunkte existieren, die für Autismus sprechen könnten. Oder Verhaltensmuster, die für eine geistige Behinderung sprechen? Naja, auch Autisten haben merkwürdige Verhaltensmuster, sind aber allenfalls als Komorbidität geistig behindert. Aber eine seelische Behinderung? Meine Tics sind deutlich zu erkennen und, wie auch gestern, trage ich inzwischen meist einen Autismusschleifen-Pin an meiner Jacke. Selbst wenn ich mir den MP3-Player und die Ohrhörer auch im Sanitätshaus kaufen könnte, scheinen Autisten jedoch eine Art Behinderung zweiter Klasse zu haben. Mehr noch: Äussern sie ihre Wünsche hinsichtlich dessen, was hilfreich für sie ist, gelten sie möglicherweise als Rosinenpicker. Äussert man sich in einem Overload etwas gereizt – typisch für mich -, heisst es dann „Na, ein wenig unterzuckert?“ Auf Applaus für meine Teilnahme kann ich verzichten. Und ob dieser Applaus einem neurotypischen Menschen im Rollstuhl etwas bringt? Keine Ahnung. Ich kann mich ja als autistischer Mensch per Definition schwer in andere Menschen hineinversetzen, besonders in neurotypische. So wie ich eigentlich auch keine Ahnung von Ironie und Sarkasmus haben dürfte.

Ich stelle mich üblicherweise auch nicht einer Reisegruppe mir bisher unbekannter Personen vor, in dem ich sage: Grüss Gott, ich bin der Bernd, ein Asperger-Autist. Es ist natürlich auch so, wenn niemand in Kenntnis gesetzt wurde, dann können auch keine passenden Massnahmen erfolgen. Ich selbst brauche diese eben auch im Normalfall nicht zwingend. Aber wenn Kenntnis vorhanden wäre?

Und ja, der Pfarrer weiß über meinen Autismus bescheid und auch über den meines Sohnes.

Ich habe den Verdacht, viele Personen, die im kirchlichen Dienst stehen, wissen eben nicht, was Autismus bedeutet. Katholische Theologen neigen vermutlich doch eher dazu, ein Buch von Franz-Peter Tebartz van Elst – der ehemalige Diözesanbischof von Limburg a.d. Lahn – zu lesen, als von seinem Bruder Ludger Tebartz van Elst – der auf Autismus spezialisierte Psychiater an der Universitätsklinik Freiburg im Breisgau. Und in anderen Berufsgruppen sieht das nicht anders aus. Das immer noch weit vorherrschende Bild von Autismus wurde durch den Film Rain Man geprägt. Und das kriegt man leider nunmal schwer bei den Leuten aus dem Kopf.

Dabei gibt es mindestens eine Publikation, durch die man sich recht gut informieren kann. Und auch wenn dort primär die Situation in der römisch-katholischen Kirche beschrieben ist, so lässt sich beispielsweise das Kapitel „Kommunionunterricht/Firmkatechese“ analog auch auf die Konfirmation anweden.

Autismus-Spektrum-Störungen im kirchlichen Umfeld :
ein Leitfaden für Mitarbeiter aus Jugendarbeit
und Seelsorge / Katrin Moser. –
Norderstedt : Books on Demand, 2014. – 189, 5 S. –
ISBN 978-3-7357-4238-4

Es ist beispielweise hier bestellbar.

Ausreden gelten also eigentlich nicht mehr!

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4 Gedanken zu “Keine Ausreden mehr für Seelsorger – Buch besorgen!

  1. Ich sehe vier Ansatzpunkte, um Kommunikation und wechselseitige Anpassung zu verbesseren — keiner davon ist speziell auf die Kirche oder die Pfärrer ausgerichtet.

    Ich leide an kognitiven Einschränkungen nach einer unfallbedingten Hirnverletzung. Insebesondere finde ich mich an fremden Orten sehr schlecht zurecht und ermüde in einer belebten Umgebung sehr rasch.

    Von Autismus habe ich mit Sicherheit nur ein klischeehaftes und im ganzen lückenhaftes Bild.

    1) Als Behinderter tatsächlich sehr direkt aussprechen, was das Problem ist.

    Wenn ich zum Beispiel in einer Messehalle den Weg nicht finde, dann gehe ich an den Informationsschalter und sage der Fräulein dort ganz direkt, dass ich einen Dachschaden habe, dass ich mich nicht zurechtfinde und darum Hilfe brauche. Das gleiche mache ich, wenn ich in einer fremden Bibliothek nicht herausfinde, wie man die Bücher finde. Dort gebrauche ich möglicherweise das Wort „Dachschaden“ nicht.

    Wichtig ist: Ich muss fähig sein, mich kurz, klar auszudrücken. Ich muss von der Rehaklinik her genug gut trainiert sein, um meine Einschränkungen selber zu kennen und den Auftrag an die Hilfsperson präzise definieren. Falsche Scham ist falsch. Man muss bitten können und danke sagen, wie jeder normale und anständige Mensch.

    2) Als normaler Mensch im Alltag immer achtsam beobachten. Viele Menschen lerne das nie. Ich habe es als Kind gelernt. Ich sehe Reaktionsabläufe, Tempi, Rhythmus, wie jemand seine Aufmerksamkeit lenkt. Ich bin nett, wenn ich merke, dass sich der andere bemüht. Wenn es umständlich wird, lasse ich dem anderen den Freiraum, seine Arbeit zu machen. Ich werde harsch bei Leuten, die sich extra dumm stellen und mich für blöd verkaufen. Aber von denen erwarte ich dann auch nichts.

    3) Information in der Öffentlichkeit verbessern, Journalisten sollen sich ins Arsch klemmen und wirkliche Informationen beschaffen. Wer als Aussenstehender willig und aufmerksam ist, kann seine Hilfsbereitschaft dennoch nicht einsetzen, wenn er nicht weiss, was er tun müsste.

    Ich habe zwölf Jahre lang gezählt. Das Schweizer Fernsehen brachte in dieser Zeit eine einzige Sendung darüber, wie sich Hirnverletzte im Alltag zurechtfinden und wie sich die Angehörigen an die Situation anpassen. (Über Leute mit Aspergersyndrom kam meines Wissens keine einzige solche Sendung). In derselben Zeit bekamen wir in allen einschlägigen Gesundheits- und Dokumentationssendungen 15 mal die Irren und Wirren transsexuell zurechtgestutzter Männer und Frauen zu hören. Überlebende von Hirnverletzungen gibt es 18’000 pro Jahr in der Schweiz. Transsexuelle gibt es vermutlich keine acht Stück.

    4) Kommunikation mit Freunden und Angehörigen verbessern, erklären, wie man den Alltag zusammen gestalten kann. Das seltsame ist, dass das in meiner Umgebung bisher nur mit Leuten möglich war, die sich selber als wenig empathisch einschätzen, im grossen und ganzen sich nicht einfühlen können (oder jedenfalls das meinen). Sie sind die einzigen, die präszise Informationen wörtlich nehmen und dann auch sinnvoll umsetzen können. Sie sind diejenigen, die in der Krisensituation tatsächlich das tun, was man im voraus instruiert und vereinbart hatte.

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    1. Die vermeintlich mangelhafte Empathie bei Asperger-Autisten kommt meineserachtens daher, dass wir kaum auf der Beziehungsebene kommunizieren, neurotypische Menschen mitunter sehr stark. Ich habe mal den Test nach dem 4-Ohren-Model von Schulz von Thun gemacht. Die Sachebene war, auf der Skala von 0 bis 20 für alles zusammen, bei 12, die Beziehungsebene bei 1, die Appellebene bei 4 und die Selbstkundungsebene bei 3. Sagt eigentlich schon alles…

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      1. Von der Seite her habe ich mir das alles nie überlegt. Es spielt für mich bei der Bewältigung meiner Hirnverletzung möglicherweise eine Rolle: Seit meinem Unfall kann ich die nicht-verbale Kommunikation von Menschen nicht erkennen. Ich kann viele Gespräche nicht sinnvoll interpretieren, wenn ich dem Gesprächspartner gegenübersitze. Am Telefon geht es besser, noch besser schriftlich. Je weniger desto besser.

        Wenn ich mehrere Monate Zeit habe, mich auf jemanden einzustellen, dann klappt es am Schluss.

        Mein Beitrag war mehr von der Seite her gemeint: Leute, die von der Beziehungs-/Empathieebene her reagieren, versagen regelmässig, wenn ich in der Ermüdung anders funktioniere als normalerweise. Sie interpretieren die äusseren Zeichen von Mimik, Gestik, Bewegungen und tun dann einfach, was ihnen in den Sinn kommt, nämlich das falsche. Dass ich sie vorher einmal sehr detailliert instruiert hatte für solche Fälle ist nicht mehr vorhanden.

        Ich gehe davon aus, dass ich Ihnen persönlich begegnet bin, als ich einmal ein Buch in der Stadt- und Universitätsbibliothek in Bern ausleihen wollte und mit dem online-Katalog nicht klarkam. Den Namen erinnere ich nicht, meine Beobachtungen passen aber zu dem was Sie beschreiben. Geblieben ist mir die Begegnung, weil das eines der ganz seltenen Ereignisse war, wo jemand präzise reagierte auf das was ich mit Worten mitteilte und nicht ein riesiges Theater um alles andere machte.

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      2. Mag sein, dass wir uns da mal begenet sind, obwohl meine Hautpaufgabe das Katalogisieren war. Ich habe aber auch im kleineren Rahmen Auskunftsdienste, Aufsichten und Bibliotheksführungen ausgeführt.

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