Wir schweigen nicht!

Der 3. Dezember ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderung.

Die Organisition Pro Infirmis in der Schweiz hat dazu ein ansprechendes Logo geschaffen, dem ich gerne zur Verbreitung helfen möchte:
Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Ansprechend daher, weil Behinderung sinnbildlich oftmals immer noch mit einer Person im Rollstuhl dargestellt wird, jedoch weit darüber hinausgeht.

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Auch die Deutschen Bischofskonferenz hat eine Presseerklärung veröffentlicht.

Überall wird, gerade am heutigen Tag, für Inklusion oder doch zumindest Verständnis für Menschen mit Behinderung geworben. Wie notwendig das mitunter noch ist, merkt man daran, dass „Bist du behindert?“ – als Metapher für „Bist du geistig eingeschränkt?“ – nicht selten und eher bei jüngeren Menschen leicht über die Lippen kommt. Jemanden als „Mongo“ zu bezeichnen scheint zwar inzwischen aus der Mode gekommen zu sein, aber dafür gibt es inzwischen ja den Autismus, in der Form von „politischem Autismus“ etc.

Ja, Behinderungen, das ist facettenreich.

 

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland will Menschen mit Behinderungen schützen, in Artikel 3, Absatz 3:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Schreibt aber ausschliesslich Behinderung, ohne Konkretisierungen.

 

Ähnlich ist es in Österreich im Bundes-Verfassungsgesetz, in Artikel 7, Absatz 1. Hinzugefügt wird jedoch:

Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich dazu, die Gleichbehandlung von behinderten und nicht behinderten Menschen in allen Bereichen des täglichen Lebens zu gewährleisten.

 

Die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft hält in Artikel 8, Absatz 2 fest:

Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.

Und ergänzt es durch Artikel 8, Absatz 4:

Das Gesetz sieht Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten vor.

Was einzelne Schweizer dann doch nicht davon abhält, formell behinderte Nicht-Schweizer gerade wegen dem, was mit ihrer Behinderung zusammenhängt, zu diskriminieren. Dieses Thema aus meinem beruflichen Leben weiterzuverfolgen würde jedoch den Rahmen des aktuellen Beitrages sprengen.

„Psychische Behinderung“ ist übrigens in der Schweiz die übliche Formulierung, in Deutschland ist es die „seelischen Behinderung“, zumindest im Sinne des Sozialgesetzes.

 

Das 2006 verabschiedete und 2008 in Kraft getretene Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen, vereinfacht UN-Behindertenrechtskonvention, kurz BRK, genannt, hat folgende Formulierung in Artikel 1:

Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können.

Hier werden zur klassischen Dreiteilung – körperlich, geistig, seelisch/psychisch – noch eigenständig die Sinnesbeeinträchtigungen – Umgangssprachlich: Blinde, Taube und Stumme – aufgezählt, die traditionell den Körperbehinderungen zugewiesen werden.

 

Klassische Dreiteilung? Nicht jedem ist sie bekannt.

So gab es vor einiger Zeit sonntags in meiner heimatlichen Kirchengemeinde Fürbitten, in denen es hiess:
Für alle Menschen, die körperlich oder geistig behindert sind und dadurch oft zu Aussenseitern und Benachteiligten werden.

Den meisten Menschen scheint eben nicht bewusst zu sein, dass es neben den körperlichen und den geistigen Behinderungen noch eine dritte Form gibt, die seelische / psychische Behinderungen, zu denen auch Autismus zählt. Das mag damit zusammenhängen, dass das Bild über Autismus vereinfacht gesagt oftmals eine Person ist, die sabbernd und wimmernd in einer Ecke sitzt oder halt der Rain Man. Das nimmt man dann eher als geistige Behinderung wahr, die beim frühkindlichen Autismus ja auch tatsächlich eine sehr häufige Komorbidität darstellt.

 

Zusätzlich kommt noch die unerfreuliche Situation, dass gerade an autistischen Kindern dubiose und schädigende Therapieformen angewandt werden. Neben der Behandlung mit einer ätzenden Chlorbleiche mit der Marktbezeichnung MMS ist das eine auf Behaviorismus begründete Therapieform namens Applied Behavior Analysis (kurz: ABA), die seit einiger Zeit die Gemüter besonders bewegt, unterstützt doch gerade die Aktion Mensch diese äusserst umstrittene Therapieform.

Man sieht, es gibt viel zu tun und das erreicht man nicht mit Schweigen. Daher gilt, wie Aleksander Knauerhase in seinem Blog Quergedachtes den hier folgend rebloggten heutigen Beitrag überschreibt:

Wir schweigen nicht!

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Der dritte Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Gibt es einen passenderen Tag um zu zeigen, dass wir Menschen mit Behinderung nicht schweigen werden? Dass wir unsere Rechte nach der UN-BRK einfordern, auch unbequem sein können und ganz sicher keine „arme Seelen“ sind? Viele Aktivisten die für ihre eigenen Rechte und die andere Menschen mit Behinderung kämpfen werden immer noch belächelt, getätschelt und letztendlich nicht für vollwertig angesehen. Einigen, ich bin da kein Einzelfall, möchte man dann auch noch vorschreiben dass wir aufpassen sollen was wir sagen oder schreiben um anderen Menschen mit einer Behinderung nicht zu schaden.

Das muss aufhören! Wir sind nicht alleine, wir lassen uns nicht schwächen und wir haben ein Recht darauf dass man mit uns redet.

Mein Aufruf lautet daher: Zeigt Eure Aktivitäten, seid laut und schweigt nicht. Setzt ein Zeichen dafür, dass wir nicht alleine und schwach sind. Übermittelt die Botschaft:…

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