„Arbeitsscheu“

Seit 1996 wird in Deutschland jedes Jahr am 27. Januar der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Internationale Bekanntheit erreichte dieser Gedenktag, als er 2005 durch die Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts erklärt wurde.

Der Holocaust bzw. die Schoah, also die Ermordung der Juden, war zwar der mit Abstand markanteste Teil der Vernichtungsaktionen unter dem Regime des Nationalsozialismus aber es gab daneben auch noch andere. In den Konzentrationslagern waren neben Juden auch politische Häftlinge, Kriminelle, Bibelforscher (Zeugen Jehovas) und, gezennzeichnet durch einen schwarzen Winkel, „Asoziale und Gemeinschaftunfähige“.

Nun sind Autisten nicht unbedingt die geselligsten Menschen und ihr oftmals sehr direktes Verhalten wird ja auch mitunter als anstössig empfunden.

Eine weitere, mit Autismus verbundene Problematik ist diejenige der
Exekutiven Dysfunktion.

Dies ist, wie Amythest Schaber in ihrem Ask an Autistic-Video mit dem Titel „What is Executive Functioning?“ sagt:
„Executive Functioning is a very complex topic and it is the function of the mind and brain that ins’t very well understood yet.“
Ja, es kann dazu führen, dass ein autistischer Mensch in seiner Leistungsfähigkeit beeinflusst wird. Und:
„Executive Functioning issues can and are often interpretet as lazyness or being defiant or having a poor work ethic when really that is not the case at all. Procrastination and Executive Dysfunctioning are two totally different things.“

 

Ja, autististische Menschen werden also wegen ihrer Exekutiven Dysfuntkion gerne mal als arbeitsscheu angesehen – was mir selbst passiert ist, als aufgrund von enormem Druck die Exekutivfunktionen und damit meine Arbeitsfähigkeit immer mehr darunter gelitten haben, bis fast gar nichts mehr ging. Wer Leistung von Autisten sehen möchte, muss halt die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen bzw. bestehende nicht unnötig und mutwillig zerstören und dadurch die Leistungsfähigkeit.

Und auch im deutschsprachigen Raum beschäftigt diese Problematik. Ja, Autisten beschäftigen sich intensiv damit, warum sie zwar wollen, aber nicht können!

„Ein vollkommen unsichtbares Symptom von Autismus ist die exekutive Dysfunktion. Exekutivfunktionen werden vom Frontalhirn (“frontal lobes”) gesteuert und sind unter anderem relevant, wenn es um Organisation und Planung geht, also Terminpläne aufzustellen, den Tag zu strukturieren, einen Zeitplan zu befolgen, um die Bachelor- oder Masterarbeit fertigzustellen, die Hausarbeit zu erledigen, regelmäßige Mahlzeiten zu haben, dafür rechtzeitig einkaufen zu gehen, mit Veränderungen im Stunden- oder Dienstplan umgehen zu können, etc.“

Unsichtbar? Naja, vielleicht wo es herkommt, jedoch nicht in seinen Auswirkungen.

„Exekutive Dysfunktion beschreibt im weitesten Sinne Probleme damit, Dinge zu tun. Das klingt sehr allgemein – und ist es auch. Der Begriff ist relativ unbekannt, was dazu führt, dass diejenigen von uns, die Exekutive Dysfunktion haben, oft selbst nicht wissen, was das Problem ist.“

Nichts belastet einen mehr, als wenn die Exekutivfunktionen mehr als es sonst üblich ist, beeinflusst sind. Jeder hat ja irgendwie so seinen Level, wie er funktioniert, aber wenn das zusammenkracht und deutlich weniger geht, dann kratzt das am Selbstbewusstsein. Das Mobbing am Arbeitsplatz hat bei mir dazu geführt und es hat sich leider, in jetzt eineinhalb Jahren seit von dort weg bin, nicht wieder normalisiert. Aber, Hauptsache mein bisheriger und langjähriger Arbeitgeber ist seinen faulen Minderleister weg…

 

Zu anderen Zeiten ist man ja mit Menschen wie mir ganz anders umgegangen.

Bekannt ist inzwischen, dass Hans Asperger im Wien der 1940er Jahre selbst unter seinen jungen Patienten eine Auswahl zwischen denen treffen musste, die einen potentiellen positiven Nutzen bringen konnte und denen mit einer zu starken Ausprägung des Autismus. Um jene leichteren Fälle – mit der Ausprägung des Autismus, der später nach ihm als Asperger-Syndrom bekannt wurde – vor der skrupellosen Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten zu retten, musste er etwas übertreiben. Mit einer euphemistischen Darstellung, dieeine pure Notwendigkeit war angesichts dessen, was Hans Asperger tagtäglich durch die offiziellen Stellen, dem nationalsozialistischen Machtapparat, erlebte.

„He saw them as potential innovators, seeing the world with a fresh perspective, and called them his ‘little professors’. He suggested to his superiors that his ‘little professors’ would make superior code breakers for the Reich. While he recognised how broad the autism spectrum was, he emphasised their special talents, not their ‘degenerate defects’.“

Diejenigen autistischen Menschen, deren Symptomatik ausgeprägter war, fielen der Euthanasie zum Opfer. Vorwiegend im Rahmen der Aktion T4. Man geht von ca. 3500 frühkindlichen Autisten aus, die umgebracht worden sind.

Weiterhin wird davon ausgegangen, dass unter den als Asozial bzw. Arbeitsscheu geltenden Personen auch hochfunktionale Autisten waren, die vermutlich aufgrund der Problematik mit den Exekutivfunktionen Auffälligkeiten zeigten. Über entsprechende Zahlen kann man jedoch nur spekulieren.

„Gemäß einem Grunderlass zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung vom Dezember 1937 konnten die „Asozialen“ im Rahmen dieser Prävention in ein Konzentrationslager eingeliefert werden. Durch die Aktion“ Arbeitsscheu Reich“ kam es 1938 zu Massendeportationen, oft mit tatkräftiger Unterstützung der Arbeits- und Fürsorgeämter.
Als „Asozial“ galten u.a. : Bettler, Körperbehinderte, Denunziantenopfer, Wohnungs- und Obdachlose, Aufsässige, Wanderarbeiter, Legastheniker, Roma und Sinti, weibliche Homosexuelle, Waisen, Prostituierte, Zwangsprostituierte, Frauen mit wechselnden sexuellen Kontakten, Kleinkriminelle, ständige Nörgler, Menschen, die Armen oder gar KZ-Häftlingen halfen, Anarchisten, Gehörlose, Analphabeten, so genannte Arbeitsscheue, Bummelanten, Faule, Autisten, Stotterer, nicht „Reinrassige“, Volksschädlinge, Volksverräter usw.usw.“

Diese Menschen kamen in den Konzentrationslagern nach der Devise Vernichtung durch Arbeit ums Leben oder wurden sogar im Rahmen der Sonderbehandlung 14f13 – auch „Invaliden- oder Häftlingseuthanasie“ genannt – einfach nur vergast.

„Die Aktion 14f13 stellte eine weitere Stufe dar auf dem Weg von der Diskriminierung und Isolierung politisch und rassisch Unerwünschter, über den utilitaristisch motivierten Mord zum rein rassistischen Massenmord, der sogenannten Endlösung. Im Gegensatz zur Aktion T4, die mit äußerlichen Motiven, wie der „Gewährung des Gnadentodes“, bemäntelt wurde, verzichtete man bei der Aktion 14f13 auf sämtliche Scheinbegründungen und reduzierte die Häftlinge auf ihre reine Nützlichkeit als Arbeitskräfte.“

 

Um es an dieser Stelle einmal klar herauszustellen: Jeder (neurotypische) Mensch, der es wagt, einem autistischen Menschen pauschal vorzuwerfen, er sei faul oder arbeitsscheu, sei daran erinnert, dass diese Beurteilung am Anfang dessen stand, von dem die Euthanasie das Ende war! Er sollte sich demonstrantiv von dieser Beurteilung oder sogar einer Bestrafung eines autistischen Mitmenschens aufgrund dieser Beurteilung distanzieren. Oder aber, wenn er dabei bleibt, sich zugestehen, nicht weniger rechtsideologisch zu handeln, wie die sogenannten Besorgten Bürger, die gegen Flüchtlinge demonstrieren.

 

Es sei zum Schluss an die vielen Menschen im kirchlichen Dienst erinnert, die sich damals dieser menschenverachteten Ideologie entgegenstellt haben, unter Einsatz ihres eigenen Lebens.
Zitiert sei hier der Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen:
„Hast du, habe ich nur solange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden?“
Oder, wie ich es erlebt habe: Hat ein Asperger-Autist nur solange Anspruch als erhaltenswerter und produktiver Mitarbeiter gesehen zu werden, solange alleinig der Arbeitgeber bestimmt, unter welchen Voraussetzungen er produktiv zu sein hat?

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4 Gedanken zu “„Arbeitsscheu“

  1. Gut, dass du das Thema mal öffentlich machst. Berichte über Euthanasie oder die Beseitigung missliebiger Personen sind in der Tat eher selten. Und immer, wenn das Thema auf Hitler-Deutschland kommt, frage ich mich, ob ich a) überlebt hätte b) wie ich mich verhalten hätte und c) wie ich mich heute in einer vergleichbaren Situation verhalten würde. Bei letzteren gäbe es 2 Möglichkeiten: 1. Ich passe mich so weit wie möglich an aus Angst. 2. Ich engagiere mich heimlich für diejenigen, die das Reich loswerden will – und bringe mich damit in Gefahr. Was ich tatsächlich mache, weiß ich leider erst, wenn ich in einer solchen stecke. Am liebsten wäre mir natürlich, wenn es gar nicht erst so weit kommt.

    Die so genannten Besorgten Bürger, die bei Pegida und Co. gegen Flüchtlinge protestieren, machen mir schon Sorgen. Und ich habe keine Scheu auf eine Demonstration gegen eben solche zu gehen, so es ohne übermäßigen Aufwand möglich ist. Nach Leipzig etwa würde ich nicht extra fahren, nur um an einer Gegendemo teilzunehmen. Aber wir hatten bei uns auch schon Thügida-Demos + Gegendemo, weil bei uns eine Erstaufnahmeeinrichtung ist. Da bin ich dann natürlich dabei. Mal sehen, wie lange es dauert bis die wieder bei uns aufkreuzen …

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    1. Autistische Menschen sind im Regelfall immer die Opfer. Und wenn die Umstände so werden, dass die Exekutivfunktionen entsprechend einbrechen, ist man gleich arbeitsscheu, mit Druck soll wieder die Leistungsfähigkeit erreicht werden, jedoch bewirkt der Druck das genau Gegenteil, denn er beeinflusst die Exekutivfunktionen noch mehr. Man kann von Glück reden, wenn man nicht in diese Situation gerät.
      Wenn es passiert, rutscht man da unweigerlich hinein. Üblicherweise ist das bei mir ein eingespieltes System, in dem ich ausreichend entspannen kann, um dann z.B. auf der Arbeit meine Leistung erbringen zu können. Kommt das System ins Wanken oder wird gar massiv beschnitten, dann geht das in die Brüche. So, wie an meinem langjährigen Arbeitsplatz habe ich es jedoch noch nie erlebt. Ich hatte während meines Fachhochschulstudiums zwar eine Depression, aber das war tatsächlich irgendwie anders. Ich war lethargischer. Heute sind meine Tics (Komorbidität) stärker. Dies inkl. Jaktation – gut zu beobachten, wenn ich in der Kirchenbank stehe – und Tremor in den unteren Extremitäten wenn ich abends im Bett liege.
      Wenn jemand wie ich als Aspie einen Hochschulabschluss zwar nicht notenmässig übermässig gut aber doch erfolgreich absolviert hat, über zehn Jahre beruflich tätig war (anfangs mit einem Pensum von 100% = 42h-Woche), die meiste Zeit gute bis sehr gute Arbeit geleistet hat, noch ein berufsbegleitendes Zusatzstudium absolviert hat – wer mir da unterstellt, ich wäre faul, an dessem Urteilsvermögen ist viel eher zu zweifeln als an meiner Bereitschaft Leistung zu zeigen.
      Aber wir bewegen uns ja schon seit geraumer Zeit wieder in Richtung Euthanasie. Sie wird nur pränatal vorgenommen. Seit Trisomie 21 pränatal diagnostiziert werden kann, haben die Abtreibungen diesbezüglich enorm zugenommen. Und Organisationen wie Autism Speaks wollen mit ihrer Forschung ja auch nichts anderes erreichen: die Gensequenzen herausfinden, die für Autismus verantwortlich sind und dann durch Abtreibung autistische Menschen zu verringern, so also zu ‚heilen‘.
      Der Rufmord, der zuletzt an mir in Form eines entsprechenden Arbeitszeugnisses begangen wurde, ist auch ein Mord. Jene an mir vorgenommene „Euthanasie auf der beruflichen Ebene“ ist nichts anderes als Mord im heutzutage legalen Rahmen. Und es ist genauso schmutzig und zutiefst unethisch, wie wenn jemandem physisch das Leben genommen wird.

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      1. Wenn ich aufzähle, was ich so den ganzen Tag mache, würde ich mich auch nicht als faul bezeichnen. Das mit dem schlechten Arbeitszeugnis kenne ich auch. Allerdings weiß ich nicht, ob es wirklich ein schlechtes Zeugnis sein sollte oder mein ehemaliger Chef nur keine Ahnung von Zeugnisformulierungen hat (im Gegensatz zu mir kein gelernter Kaufmann). Zumindest haben sie mir nach der Entlassung angeboten, mir bei der Jobsuche zu helfen. Aber ich bin eher froh, mit denen nichts mehr zu tun zu haben.

        Auch wenn ich den Begriff Euthanasie dafür nicht verwenden würde, sondern es beim Namen nennen: Tötung ungeborenen Lebens. Ich hatte (glaub auf einem öffentlich-rechtlichen Sender sogar) mal einen Bericht gesehen, der für das Recht auf Abtreibung warb. Mich gruselt das. Und sei die Situation noch so schlimm: Ich für mich würde das Kind lieber bekommen und weggeben, wenn ich es schon nicht selbst versorgen kann.

        Abgesehen davon könnte man etliche Bibliotheken füllen mit den Dingen, wo Menschen unwürdig behandelt oder getötet werden. Ändert nichts daran, dass das einfach grausam ist. Eher muss ein Bewusstsein dafür her, dass mit dem Menschen und seinem Erbgut nicht beliebig verfahren werden kann. Dass Menschen nicht beliebig in den Lauf der Dinge eingreifen dürfen, nur um den homo perfectus zu züchten. Bis dahin ist es aber ein langer Weg …

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