Pro-Life

„Lebensrechtler“ oder auch „Lebensschützer“, im englischen Sprachraum „Pro-Life“, das sind Personen, die sich öffentlich vehement gegen jegliche Form von Abtreibung aussprechen und dies vorwiegend aus ihrem christlichen Glauben heraus. Unter diesen Personen findet man Vertreter der verschiedensten christlichen Konfessionen, auch Katholiken.

 

Sie stehen mit dieser Haltung vollkommen im Einklang mit der Lehre der römisch-katholischen Kirche.

Im Katechismus der Katholischen Kirche ist zu lesen:
„2270 Das menschliche Leben ist vom Augenblick der Empfängnis an absolut zu achten und zu schützen. Schon im ersten Augenblick seines Daseins sind dem menschlichen Wesen die Rechte der Person zuzuerkennen, darunter das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Wesens auf das Leben […]
2271 Seit dem ersten Jahrhundert hat die Kirche es für moralisch verwerflich erklärt, eine Abtreibung herbeizuführen. Diese Lehre hat sich nicht geändert und ist unveränderlich. Eine direkte, das heißt eine als Ziel oder Mittel gewollte, Abtreibung stellt ein schweres Vergehen gegen das sittliche Gesetz dar […]
2272 Die formelle Mitwirkung an einer Abtreibung ist ein schweres Vergehen. Die Kirche ahndet dieses Vergehen gegen das menschliche Leben mit der Kirchenstrafe der Exkommunikation. „Wer eine Abtreibung vornimmt, zieht sich mit erfolgter Ausführung die Tatstrafe der Exkommunikation zu“ (CIC, can. 1398), „so daß sie von selbst durch Begehen der Straftat eintritt“ (CIC, can. 1314) unter den im Recht vorgesehenen Bedingungen [Vgl. CIC, cann. 1323-1324.]. Die Kirche will dadurch die Barmherzigkeit nicht einengen; sie zeigt aber mit Nachdruck die Schwere des begangenen Verbrechens und den nicht wieder gutzumachenden Schaden auf, der dem unschuldig getöteten Kind, seinen Eltern und der ganzen Gesellschaft angetan wird.“

Auch Papst Franziskus hat in den vergangen Jahren wiederholt deutliche Worte gegen die Abtreibung gefunden.
Beispielsweise zum Ende des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit im November 2016 in einem Fernsehinterview:
„Papst Franziskus hat Abtreibung als „grauenhaftes Verbrechen“ bezeichnet. Aus seiner Sicht sei es zu einer „Gewohnheit“ geworden, „Babys vor ihrer Geburt zu entfernen“, sagte Franziskus in einem am Sonntag ausgestrahlten Interview des italienischen Senders TV 2000. Ungeborene Kinder würden abgetrieben, „weil es einfacher ist“. Das sei eine „sehr schwerwiegende Sünde“, so der Papst.“)
Das ganze Fernsehinterview kann, allerdings zum derzeitigen Zeitpunkt (26.11.2017) nur mit italienischen Untertiteln, unter folgendem Link angesehen werden: https://www.youtube.com/watch?v=JDy5mquSKyw

Ebenso fand er in einem Grusswort zur österreichischen „Pro Life Tour“ im Sommer 2017 sehr deutliche Worte, indem er Abtreibung wiederholt als „ein Verbrechen, ein absolutes Übel“ – unter Rückgriff auf ein früheres Interview, auf das ich weiter unten eingehe – bezeichnete. In diesem Jahr fand in Österreich eine Wanderung von Graz nach Wien statt. Und: „Besonderes Augenmerk liegt dieses Jahr auf Babys mit Behinderung; explizit abgelehnt wird die in Österreich gesetzlich mögliche und zugleich umstrittene Spätabtreibung bis zur Geburt. Laut Myroslava Mashkarynets, Pressesprecherin von „Jugend für das Leben“, werden dadurch neun von zehn Kindern mit Downsyndrom „ausgesondert“.“

Und genau da – auch wenn es derzeit vorwiegend am Down-Syndrom festgemacht wird, so betrifft es alle Behinderungen – liegt der Punkt, an dem man Menschen, denen es tatsächlich am Lebensschutz gelegen ist, unterscheiden kann von denen, die sich selbst nur als solche inszenieren.

 

Eine der weltweit bekanntesten Personen unter denen, die sich selbst gerne als Vertreter von Pro-Life darstellen, ist Donald J. Trump.

Als Donald J. Trump am 8. November 2016 die Präsidentschaftswahlen in den USA gewann, war die Freude bei vielen Lebensrechtlern gross, dass einer aus vermeintlich ihren Reihen dieses Amt innehaben wird. Genauso enthusiastisch wurde u.a. begrüsst, als Donald J. Trump nach seinem Amtsantritt die sogenannte Mexico City Policy wieder einführte, die kurz beschrieben besagt, dass es durch die USA keine finanzielle Unterstützung für Hilfsorganisationen gibt, die in Entwicklungsländern auch nur über die Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen informieren. Personalentscheidungen, die vordergründige Vertreter von Pro-Life in hohe Positionen brachten, wurden auch von Lebensrechtlern im deutschsprachigen Raum sehr positiv aufgenommen. Dies führte aber auch dazu, dass seither im deutschsprachigen Raum Donald J. Trump durch Lebensrechtler vehement verteidigt wird, egal, ob seine durchgeführten Aktionen aber auch Fehler und Pannen im Zusammenhang mit Pro-Life stehen oder nicht.

Am 31. März 2017 erliess Donald Trump in seiner Funktion als Präsident der USA eine offizielle Proklamation:
„NOW, THEREFORE, I, Donald J. Trump, President of the United States of America, by virtue of the authority vested in me by the Constitution and the laws of the United States, do hereby proclaim Sunday, April 2, 2017, as World Autism Awareness Day. I invite all Americans to Light it Up Blue, which Melania and I will do at the White House.“

Wobei die Proklamation an sich schon übertrieben ist. Einmal kann das Staatsoberhaupt einer einzigen Nation schlecht einen Welttag verkünden, denn es regiert ja nicht die ganze Welt. Vor allem jedoch wurde der „World Autism Awareness Day“ schon 2007, also zehn Jahre früher, durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen auf den 2. April festgelegt. Und auch die Aktion „Light It Up Blue“ ist im Jahre 2017 nicht neu gewesen. In den vergangenen Jahren haben sich diverse Organisationen daran beteiligt, darunter auch aus dem Bereich Pro-Life. So im Falle der Organisation „I am Pro-Life“ auf Facebook.

I am Pro Life Light Blue
(Quelle: https://www.facebook.com/focusonlife/posts/909389005750722)

Das klingt ja anscheinend erstmal nicht schlecht, „Awareness“, also Bewusstsein für etwas zu fördern und dafür dann Gebäude mit einem blauen Licht anzustrahlen. Wem sollte so etwas schaden? Auch wenn nicht ursprünglich durch die Organisation Autism Speaks begründet, so hat sich Autism Speaks die Veranstaltung „Light It Up Blue“ innert kürzester Zeit zu eigen gemacht, so dass „Light It Up Blue“ heutzutage de facto eine Autism-Speaks-Veranstaltung ist.

Donald J. Trump sieht sich der Organisation Autism Speaks und deren Gründerehepaar Bob und Suzanne Wright verbunden. Bekannt ist sein Tweet vom 13. März 2013:

Autism Speaks Trump

(Quelle: https://twitter.com/realdonaldtrump/status/311849772891926529?lang=de)

 

Und was ist so schlecht daran, Bewusstsein für Autismus zu verbreiten? Na ja, Bewusstsein in dem Sinne, in dem Autism Speaks und deren Gründerehepaar Bob und Suzanne Wright Autismus verstehen!

„Autismus wird hier als unsichtbare Bedrohung beschrieben die glückliche Ehen scheitern lässt, Familien zerstört, Menschen die Sprache raubt und, das entbehrt nicht eines gewissen Sarkasmus betrachtet man sich wie hier Geld mit Autismus gemacht werden soll, Menschen in die Armut stürzt.“

„So verglich Suzanne Wright Autisten in ihrer Rede im Vatikan indirekt mit Leprakranken. In von Autism Speaks in Auftrag gegebenen Werbefilmen und Dokumentationen weist die Organisation immer wieder auf die angeblich zerstörerische Wirkung von Autismus auf die Familien autistischer Kinder hin. Für die Darstellung von Autisten selbst greift man gerne auf die alten irisch-keltischen Feensagen zurück und nennt Autisten „gestohlene Kinder“, also Kinder, die von nichtmenschlichen Wesen gegen ein seelenloses Scheinkind ausgetauscht werden, oder behauptet, diese seien, ähnlich wie Wachkomapatienten, in ihren eigenen Körpern eingesperrt.“

Wenn also, wie oben im Screenshot der Organisation I am Pro-Life, davon die Rede ist „show your support for the loved ones with autism“ und „change the future for all who struggle with autism spectrum disorder“, dann sind nach der hier zum Tragen kommenden übernommenen Ideologie von Autism Speaks diejenigen „with autism“ und „who struggle“ die Angehörigen.

 

Ich selbst habe meinen allerersten Beitrag auf diesem Blog über Autism Speaks verfasst und auch zu dem Stellung genommen, was „im Vatikan“ (sieh oben) im November 2014 durch die beiden Wrights für ein perfides Spiel getrieben wurde. Dabei habe ich auch klar gemacht, was neben der „Awareness“ das vordringliche Anliegen von Autism Speaks ist:

„Autims Speaks fördert Gentechnik, Gentechnik führt zu Pränataldiagnostik, Pränataldiagnotisk führt zu Abtreibungen. Und Abtreibung ist aus Sicht der römisch-katholischen Kirche Mord! Nicht mehr und nicht weniger.“

Natürlich weiss man gerade in den USA, was sich hinter der Organisation Autism Speaks verbirgt. Es gibt genügend Personen und Medien, die über diese Organisation aufklären, wenn auch nicht jeder Beitrag explizit die geplante pränatale Euthanasie direkt anspricht. Hier gilt definitiv: man weiss es, es sei denn, man will es nicht wissen. Aus reiner Bequemlichkeit sich nicht informieren, das kann als Entschuldigung nicht gelten.

„“Autism Speaks”- but Should Everyone Listen? “We don’t want to be talked about as an epidemic or crisis to be combatted,” says Ari Ne’eman, president of the Autistics Self-Advocacy Network. “They view the goal of autism advocacy as a world in which autistic people do not exist. We think we should create a world where autistic people are included and can have a good quality of life.”“

„7 Reasons To Not Support Autism Speaks Since Autism Speaks‘ conception, prenatal testing has been developed for Down syndrome and has caused a decreasing rate of Down syndrome births, despite many families reflecting positively on the experience of raising a child with Down syndrome, proving that this research has the potential to have a dramatic negative impact on the autistic community. Ignoring the cries from the community to remove this from their mission statement, on top of the research surrounding Down syndrome, proves that Autism Speaks is, at worst, apathetic to the possibility of eliminating the community and at best, out of touch with the community’s desires.“

„Why I am Against Autism Speaks (and you should be, too) Much of Autism Speaks’ money goes toward research, and much of that research centers on finding a way to eliminate autism, and thus, autistics (which will likely be done through a prenatal test, in the same way that the Down’s Syndrome test is conducted).“

„Autism Speaks – hate speech and eugenics The majority of reputable research indicates that autism is genetic, caused by either inherited genes or by new mutations that happen in gametes or newly forming embryos. What does this mean for an autism “cure”? Well, it means it won’t be a cure, it’ll be prevention in the form of prenatal testing and encouraging parents to terminate pregnancies that might result in autistic children. I’m pretty pro-choice, if you don’t want a baby, don’t have one, but I take a huge issue with encouraging the termination of intended pregnancies on the grounds that you’ll get someone with a neurotype you didn’t want. Wiping out a group of people by stopping them from being born is called genocide.“

Und das macht selbstverständlich Autisten wütend, dass sich eine solche Organisation als Wohltätigkeitsorgansiation darstellt.
„Your Awareness wants me dead. Look me in the eye. Tell me that my mother should have aborted me or that I literally shouldn’t exist. Tell me that I’m a burden or that my life isn’t worth living. Oh wait, you already have. Because by saying your child/grandson/nephew is a burden? You’re saying I am one by proxy. “Oh, you are not like my child” when we were once your child. Contrary to popular belief, autistic children become autistic adults. I know, right?“

Und auch im deutschsprachigen Raum klären Autisten über Autism Speaks und „Light It Up Blue“ auf.

Und da ist das, was mich ankotzt: Da sind Personen, die sich selbst prominent als Pro-Life herausstellen, wie Donald J. Trump, und dafür als Ikonen der Pro-Life-Bewegung gelten. Sie unterstützen eine Organisation, deren Ziel es ist, die Gensequenzen für Autismus ausfindig zu machen. Sollte dies eines Tages möglich sein, dann werden aufgrund der pränatalen Diagnostik die Zahlen der Abtreibungen steigen. So, wie es jetzt schon beim Down-Syndrom der Fall ist. Und genau so, wie es momentan beim Down-Syndrom der Fall ist, kann die Pro-Life-Bewegung dann später eine Kampagne führen, in der sie darauf verweist, wie schlimm es doch sei, dass autistische Menschen vor ihrer Geburt abgetrieben werden. Das ist hochgradig perfide! Massgebliche Vertreter der Pro-Life-Bewegung unterstützen etwas, das sie dann später anprangern können, auf Kosten der ungeborenen Kinder, die sie eigentlich vorgeben schützen und für deren Rechte eintreten zu wollen.

 

Es gibt keine Entschuldigung, denn das, was durch Autism Speaks und deren hochrangige Vertreter geplant wird, was auch Pro-Life-Vertreter unterstützen, ist Euthanasie!

Wie Euthanasie nach der Lehre der röm.-kath. Kirche zu bewerten ist, auch dies geht klar aus dem Katechismus hervor:

„2277 Die direkte Euthanasie besteht darin, daß man aus welchen Gründen und mit welchen Mitteln auch immer dem Leben behinderter, kranker oder sterbender Menschen ein Ende setzt. Sie ist sittlich unannehmbar.“

Nachdem, wie weiter oben ausgeführt, Abtreibung ein „schweres Vergehen“ darstellt und Euthanasie „sittlich unanahmbar“ ist, sollte eigentlich klar sein, dass man Organisationen, die dieses Ziel anstreben, sowie deren Aktionen auf keinen Fall unterstützen sollte. Für viele, die sich als Pro-Life ausgeben, ist dies jedoch anscheinend kein Widerspruch. Diejenigen, die das tun, sind jedoch nicht Pro-Life. Sie sind knallharte Eugeniker, für die nur das Leben schützenswert ist, das sie selbst als schützenswert ansehen.

Leider geht es sogar so weit, dass u.a. selbst eine katholische Ordensgemeinschaft – die Österreichische Provinz der Barmherzigen Brüder vom hl. Johannes von Gott – das zu ihrem Krankenhaus gehörendes Autismuskompetenzzentrum wiederholt am 2. April Blau beleuchtet hat: https://www.caritas-linz.at/aktuell/news/detailansicht/news/74089-aktion-light-it-up-blue-zum-weltautismustag-am-2-april/
Ein katholische Ordensgemeinschaft, die geplante pränatale Euthanasie propagandiert? Wer ein Autismuskompetenzzentrum betreibt, also Autismus-Experten beschäftigt, der sollte eigentlich wissen, was sich hinter „Light It Up Blue“ und Autism Speaks verbirgt. Oder aber die fachliche Kompetenz ist fragwürdig. Ich gehe hier eher von letzterem aus.

Inzwischen existieren denn auch klare Gegenbewegungen zu „Light It Up Blue“, die explizit das Blau vermeiden.

Eine davon ist die #WalkInRed-Kampagne: „During the month of April, many people will be #LIUB (or Lighting it Up Blue) with the intention of promoting „awareness“ only to raise money for the notorious hate group Autism Speaks – many people want to be helpful and supportive, but are, ironically, unaware. By spreading #redINSTEAD you can share the message that there should be #NothingAboutUsWithoutUs!“

Eine andere war beim London Eye, dem grossen Riesenrad der britischen Hauptstadt, ersichtlich. Dies leuchtete anstelle Blau in Pink auf, da zwei Pink-Töne das Logo der britischen National Autistic Society dominieren: „Following some valued feedback from individuals and after consulting the National Autistic Society (NAS), the London Eye will now be lighting up pink on Sunday, one of the colours of the NAS. We always strive to help as many charities as possible raise awareness for various causes with light changes, from our annual involvement in Remembrance Sunday to Pride in London and WWF’s Earth Hour, and we are looking forward to doing the same for World Autism Awareness Day.“

Will man also am 2. April anlässlich des World Autism Awareness Days ein Gebäude, Naturdenkmal etc. beleuchten, so gibt es durchaus Alternativen zu „Light It Up Blue“ von Autism Speaks und der dadurch erfolgenden Unterstützung für geplante pränatale Euthanasie.

 

Eigentlich wäre das ja an sich schon ausreichend, die ganze Pro-Life-Bewegung, vor allem in den USA, deutlich zu hinterfragen.

Und es sollte Grund genug für Lebensrechtler im deutschsprachigen Raum sein, Donald J. Trump nicht mehr als den herausragenden Gleichgesinnten anzusehen – es sei denn, man will darin gleichgesinnt sein, geplante Euthanasie zu unterstützen. Es ist eine Entscheidung zwischen dem tatsächlichen Lebensschutz und der Eugenik.

Und: Nein, es reicht nicht, ein Plakt herumzutragen, auf dem steht: „Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“ (http://www.marsch-fuer-das-leben.de/media/marsch_2017_photo_an_7863.jpg). Das ist keine ausreichende und klare Distanzierung von „Light It Up Blue“, Autism Speaks und denen, die diese Organisation so massiv unterstützen!

 

Leider ist das noch nicht alles.

 

„Nothing was more controversial than the theory that vaccines could be causing autism, though several studies showed no connection. Yet, Autism Speaks kept funding research evaluating a possible link. By 2009, it first chief executive had enough. Alison Singer, the mother of a daughter with autism, resigned from the charity. Her departure was precipitated by her decision as an IACC member to vote against more funding for studies on vaccine safety. “We had a disagreement about scientific research,” Singer tells The Daily Beast. “[Autism Speaks] felt in their heart vaccines were the cause, despite dozens of studies. When you start talking about what you believe and not what data shows, you’re talking about religion and not science.”“

Man sieht, auch beim Thema Impfungen hat Autism Speaks seine Finger drin.

Und, wie vielen bekannt sein sollte, ist auch Donald J. Trump unter denen zu finden, die der Ansicht sind, Impfungen würden bei einer vorhandenen genetischen Prädisposition für Autismus als Auslöser dienen.

Trump vaccines

(Quelle: https://twitter.com/realdonaldtrump/status/449525268529815552?lang=de)

 

Es sollte eigentlich klar sein, trotzdem hier noch der Hintergrund in Kurzform:
Der britische Arzt Andrew Wakefield veröffentliche 1998 in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ das Ergebnis einer Untersuchung an 12 Kindern. Er stellte die Behauptung auf, der kombinierte Dreifach-Impfstoff für Maser, Mumps und Röteln (MMR) würde möglicherweise Autismus auslösen und man sollte daher stattdessen zu Einzelimpfstoffen wechseln. Später stellte sich heraus, dass Andrew Wakefield geschmiert wurde, von Anwälten, die eine fingierte Verbindung des MMR-Impfstoffs zu Autismus veröffentlicht haben wollten. Inzwischen wurde mehrfach erwiesen, dass kein Zusammenhang besteht. „The Lancet“ zog 2010 den Artikel aus dem Jahr 1998 zurück. Andrew Wakefield verlor im gleichen Jahr seine Zulassung als Arzt in Grossbritannien, lebte und praktizierte aber seit 2001 sowieso in den USA. 2016 betätigte er sich als Filmemacher und erstellte den umstrittenen Film „Vaxxed : from cover-up to catastrophe“, zudem traf er sich im Wahlkampf mit Donald J. Trump.

Für die Gruppe der sogenannten Impfgegner ist Wakefields Fälschung jedoch weiterhin valide, der Entzug der Zulassung als Arzt geht auf den Druck von „Big Pharma“ zurück (für die angeblich der MMR-Impfstoff, der tatsächlich kaum Gewinne einbringt, sehr viel Geld macht) und der Vaxxed-Film eine Dokumentation einer unterdrückten Wahrheit. Obwohl viele wissenschaftliche Untersuchungen deutlich klargelegt haben, dass absolut kein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus bestehen. Das hindert Andrew Wakefield und die mit ihm verbundenen Impfgegner jedoch nicht daran, weiterhin, mal mit mehr, mal mit weniger subtilen Mitteln, Zweifel zu streuen.

Ich bin in dieser Hinsicht genauso verärgert, wie es viele andere Autisten sind:
„Die Inszenierung dieser widerlegten, unwissenschaftlichen Impf-Intrige hat noch eine weitere abstoßende Seite. Für Wakefield und somit auch für seine Produktion scheint Autismus das Schlimmste zu sein, was der Menschheit zustoßen kann. Eine Epidemie, gegen die wir wehrlos sind, ein grenzenloses Leiden. Damit stigmatisiert und diskriminiert er sehenden Auges etwa 1% der Menschheit. Bei einer Weltbevölkerung von rund 7,47 Milliarden Menschen sind das nicht gerade wenige. Doch auch die Eltern autistischer Kinder werden von ihm stigmatisiert. Sie haben einer Impfung zugestimmt und sind so – Wakefield zufolge – Schuld am Autismus ihrer Kinder.“

 

Verständlicherweise lasse ich mich nicht gerne stigmatisieren und de facto als Impfschaden bezeichnen.

Auch nicht durch die Pro-Life-Bewegung.

Alexandra Maria Linder ist seit 1992 Mitglied der Aktion Lebensrecht für Alle e.V. (ALfA), wurde später Mitglied im Bundesvorstand und ist seit 2016 Bundesvorsitzende. Zudem ist sie seit 2017 Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht e.V. Als Dachverband, dem u.a. die Aktion Lebensrecht für Alle e.V. angehört, organisiert der Bundesverband Lebensrecht den seit 2002 stattfindenen „Marsch für das Leben“ in Berlin.

Für die Zeitschrift „Lebensforum : Zeitschrift der Aktion Lebensrecht für Alle e.V. (ALfA)“, Heft Nr. 113, erschienen 2015, verfasste Alexandra Maria Linder den Beitrag „Das Impfdilemma“, in dem es vorwiegend um die Thematik der Herstellung von Impfstoffen aus Zellen abgetriebener Kinder geht. Dort schreibt die Autorin: „Es mehren sich Stimmen, die vor schweren Nebenwirkungen bis hin zu autistischen Erkrankungen warnen, welche möglicherweise durch Impfungen, vor allem die starken Mehrfachimpfungen (gegen fünf Krankheiten gleichzeitig), ausgelöst werden könnten. Von Impfbefürwortern zum Teil als Spinner oder Ideologen abgetan, findet man bei Recherchen bedenkenswerte Krankheitsfälle und wissenschaftliche Hinweise, die ernst zu nehmen und zu erforschen angebracht wäre.“

Lebensforum Linder Autismus

Auf die unsägliche Formulierung „autistische Erkrankungen“ gehe ich nicht genauer ein, da dies den Rahmen sprengen würde. Es reichen zwei Links zu entsprechenden Blogbeiträgen:
1) „Ich bin nicht krank, ich bin Autistin“ (https://innerwelt.wordpress.com/2013/07/06/ich-bin-nicht-krank-ich-bin-autistin/)
2) „Autismus ist keine Krankheit, sondern eine Behinderung.“(https://butterblumenland.wordpress.com/2016/08/12/sehr-geehrte-frau-netrebko/)

Die Autorin gebraucht in ihrem Beitrag Formulierungen, mit denen üblicherweise die Anhänger Andrew Wakefields Zweifel streuen wollen. Sie spricht zudem von „wissenschaftlichen Hinweise“, die sie nicht konkret benennt und die sich mit Sicherheit bei genauerer Hinsicht als pseudowissenschaftlich oder fingiert herausstellen. Auch wenn sie sich in diesem Artikel nicht explizit gegen Impfungen ausspricht, so hat sie mit diesen Worten doch deutlich eine rote Linie überschritten.

Noch schlimmer agieren fundamentalistische Gruppierungen wie das Christoferuswerk in Münster: „Autismus durch Impfstoffe aus den fetalen Zell-Linien abgetriebener Kinder?“ In diesem von einer Dr. Edith Breburda verfassten Text findet sich eine ganze Bandbreite an Verunglimpfungen und Stigmatisierungen. Wie bei Autism Speaks so ist auch in diesem Beitrag von einer Epidemie die Rede, zudem wird unkritisch auf Andrew Wakefield verwiesen.

 

Am 17. Februar 2016 stand Papst Franziskus auf dem Rückflug von Mexiko Journalisten Rede und Antwort. Aus dieser Pressekonferenz stammt eine Formulierung, die seither gerne von Anhängern der Lebensrechtsbewegung zitiert wird, beispielsweise im Internet durch ein Meme von kath.net:

„Die Abtreibung ist nicht das kleinere Übel, es ist ein Verbrechen. Es ist ein Verbrechen, es ist das absolute Böse.“

Vollständig lautet die Passage im Interview:
„[Spanische Journalistin:] Heiliger Vater, seit einigen Wochen herrscht in vielen lateinamerikanischen Ländern, aber auch in Europa, große Sorge wegen des „Zika-Virus“. Das größte Risiko soll für schwangere Frauen bestehen, da gibt es Angst. Einige offizielle Stellen haben vorgeschlagen, Abtreibungen durchzuführen oder Schwangerschaften zu vermeiden. Kann die Kirche in diesem Fall die Auffassung des „geringeren Übels“ in Betracht ziehen? – Papst Franziskus: Abtreibung ist nicht ein „geringeres Übel“, es ist ein Verbrechen. Es heißt, einen aus dem Weg zu räumen, um einen anderen zu retten. Das ist das, was die Mafia tut. Abtreibung ist ein Verbrechen, ein absolutes Übel. Hinsichtlich des „geringeren Übels“: eine Schwangerschaft zu vermeiden ist ein Fall – wir sprechen von einem Konflikt zwischen dem fünften und dem sechsten Gebot. Paul VI. – ein großer! – hat in einer schwierigen Situation in Afrika den Ordensschwestern erlaubt, im Fall von Vergewaltigung Verhütungsmittel zu verwenden. Man darf nicht das Übel, eine Schwangerschaft allein zu vermeiden, mit der Abtreibung verwechseln. Die Abtreibung ist nicht ein theologisches Problem, es ist ein menschliches Problem, ein medizinisches Problem. Man tötet eine Person, um eine andere – im günstigsten Fall – zu retten oder gut durchkommen zu lassen. Abtreibung ist gegen den hippokratischen Eid, den die Ärzte ablegen müssen. Es ist ein Übel in sich, aber es ist am Anfang nicht ein religiöses Übel, nein, es ist ein menschliches Übel. Und es ist klar, da es ein menschliches Übel ist, wird es – wie jede Tötung – verurteilt. Eine Schwangerschaft zu vermeiden ist hingegen nicht ein absolutes Übel, und in gewissen Fällen, wie in dem Fall, den ich über den seligen Paul VI. erwähnt habe, war es klar. Außerdem möchte ich die Ärzte auffordern, alles zu tun, um Impfungen gegen die beiden Mücken, die dieses Übel bringen, zu finden – daran muss man arbeiten. … Danke.“

Vielleicht sollte man bei der Lebensrechtsbewegung im deutschsprachigen Raum sich nicht nur das herauspicken, was einem gerade so passt, sondern alles lesen. Nicht nur hier, gegen Ende seiner Aussage, hat Papst Franziskus deutlich gemacht, wie er zu Impfungen steht.
So wie am 15. Februar 2016 in Mexiko-Stadt bei einem Krankenhausbesuch – sogar fotografisch festgehalten (siehe das Bild dort):
„Einem Kind flößt er bei seinem Rundgang demonstrativ eine Polio-Impfung in den Mund ein und unterstützt damit eine derzeit landesweit laufende Impfkampagne.“
Und im Februar 2017 hiess es aus Rom:
„Vatikan ruft zum Impfen auf: Es ist eine soziale Pflicht“

 

Man frage mich jetzt bitte nicht, ob ich Interesse zur Teilnahme an Veranstaltungen der Lebensrechtsbewegung habe, wie beispielsweise dem „Marsch für das Leben“.
Mit Menschen, bei denen ich mir nicht sicher sein kann, ob sie nicht doch „Light It Up Blue“ und Autism Speaks befürworten und damit, dass ich als hochfunktionaler Autist nie geboren, sondern abgetrieben worden wäre? Mit Menschen, die so weit gehen, mich als Impfschaden zu diffamieren? Definitv: Nein!

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