Verhältnisblödsinn

Der Begriff Autismus wurde 1911 vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (*1857, +1939) entwickelt. Autismus ist damit einer der vielen Begriffe, die die psychiatrische Terminologie Bleuler verdankt und die heute noch gebräuchlich sind, wenn sie auch, wie Autismus, in der Zwischenzeit eine genauere und teilweise veränderte Definition erfahren haben. Wie es häufig bei solchen Personen ist, die viel durch Neuschöpfungen zum Wortschatz beigetragen haben – da ging es Bleuler nicht viel anders als Philipp von Zesen mit seinen zahlreichen Eindeutschungen – so bleiben einige dieser Wörter mehr oder weniger auf der Strecke oder erreichen zumindest nicht die grosse Bekanntheit, wie andere.

Verhältnisblödsinn
Die Fähigkeit, viele und wohltönende Worte zu finden, hinter denen kein echtes Wissen steckt, charakterisiert vor allen Dingen den oberflächlichen, viel redenden, auf Gesellschaften brillierenden Schwachkopf, für dessen Struktur Bleuler die Bezeichnung „Verhältnisblödsinn“ in die Psychiatrie eingeführt hat. Diese Bezeichnung bedeutet, daß jemand zwar nicht klinisch schwachsinnig oder manifest dumm ist, gemessen am Durchschnitt der Bevölkerung, daß er aber im Verhältnis zu der Stellung, die er einzunehmen trachtet, nicht die nötigen intellektuellen Voraussetzungen mitbringt. Es kommt bei diesen Leuten, die über eine gewisse Wendigkeit und Fixigkeit im Phrasendreschen verfügen, zu einem Wortschwall, dessen Leere sich erst im Laufe eines längeren Gesprächs oder dann, wenn man ihnen dialektisch auf den Leib rückt, offenbart. Heinrich Heine hat einen solchen Menschen mit dem Ausspruch charakterisiert: „Er sprudelte vor Dummheit“.
(aus: Über die Dummheit : Ursachen und Wirkungen der intellektuellen Minderleistung des Menschen / Horst Geyer. –  Göttingen : Muster-Schmidt, 1954)
(zitiert nach: http://www.physiologus.de/v/verhaelt-bl.htm)

Jemanden, bei dem sich Verhältnisblödsinn zeigt, würde man also heutzutage vielleicht eher als Dampfplauderer bezeichnen.

Eine etwas abweichende Definition findet man übrigens im Klinischen Wörterbuch von Otto Dornblüth aus dem Jahre 1927 – jenes Wörterbuch, das mit seinen Auflagen ab 1931 von Willibald Pschyrembel betreut wurde und daher heute vorwiegend als der Pschyrembel bekannt ist:

Meist angeborene Ungleichheit der geistigen Fähigkeiten, gewöhnlich so, daß dem überstarken Affekt- und Triebleben der Verstand nicht gewachsen ist. Etwa = Dégénérés supérieurs, Psychasthenie.
(Quelle: http://www.textlog.de/37101.html)

 

Charaktere entsprechend der ersten Definition waren auch schon in frühchristlich-neutestamentarischer Zeit bekannt, wie man im Zweiten Brief an die Tessalonicher lesen kann.

3.11   Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten.

Bei Fridolin Stier, dessen Übersetzung des Neuen Testaments sprachlich näher am Original ist, als oben die Einheitsübersetzung, lautet dieser Satz folgendermassen:

3.11   Wir hören nämlich von solchen unter euch, die als Müßiggänger den Weg gehen – nichtstuerisch, nur wichtigtuerisch.

Womit der Apostel Paulus (da seine Urheberschaft von einigen Exegeten angezweifelt wird vielleicht auch nicht er, sondern ein Zeitgenosse) dann doch deutlich auch, aber nicht nur Verhältnisblödsinn ankreidet.

Der bekannteste Satz aus dem Zweiten Brief an die Tessalonicher findet sich übrigens direkt davor: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ (Einheitsübersetzung) / „Wer sein Werk nicht tun will, soll auch nicht essen“ (Stier). Allzugerne wird er aus dem Zusammenhang gerissen und mich beschleicht der Eindruck, diejenigen, die in derart zusammenhanglos zitieren und ihm oftmals auch eine andere Bedeutung geben, sind diejenigen, die im Satz darauf erwähnt sind. Leider wurde jedoch unter Verwendung dieses Satzes durch Verhältnisblödsinn schon sehr viel zerstört.

 

Oftmals scheint Verhältnisblödsinn im Zusammenhang mit Autismus aufzutauchen, allerdings üblicherweise nicht als Komorbidität bei Autisten selbst. Beispiele für diese Art von Verhältnisblödsinn können sicherlich viele Autisten erzählen. Gesammelt werden sie dann u.a. in der Facebook-Gruppe „Die Top 100 der dümmsten Sprüche von Fachleuten über Autismus„. Der Name sagt denn auch unmissverständlich aus, wer genau an Verhältnisblödsinn leidet (hm, leiden diese Personen daran?). Nämlich vermeintliche Fachleute, die sich sicherlich sehr gut in ihre berufliche Position bringen konnten, wobei dies weniger aufgrund von tatsächlich vorhandenem Fachwissen und den damit verbundenen notwendigen intellektuellen Fähigkeiten erfolgte. In diesen beruflichen Positionen kommen sie dann mit allseits bekannten Sprüchen gegenüber Autisten an:

  • Sie leben in einer Beziehung? Dann können Sie kein Autist sein.
  • Sie haben einen höheren Schulabschluss / studiert? Dann..
  • Sie…

 

Dieser Sorte Fachleute sei mit den Worten aus dem Zweiten Brief an die Tessalonicher gesagt (Einheitsübersetzung):

3.12   Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen.

Also: Wenn Ihr nur Unsinn daherschwafeln könnt, dann ist Euer in der Arbeit mit Autisten vedientes Brot kein ehrlich verdientes Brot. Sucht Euch lieber eine andere Arbeit, die Euren intellektuellen Fähigkeiten entspricht. Denn, so wie Autismus nicht heilbar ist, scheint es mit Eurem Verhältnisblödsinn nämlich auch zu sein.

 

Übrigens: Einen ganz besonders schweren Fall von Verhältnisblödsinn schreibe ich einem Psychiater zu, der, als ich 9 Jahre alt war (1981), nach drei Sitzungen mit mir aufgab, jedoch nicht zugeben wollte, dass er fachlich überfordert war, und zu meiner Mutter daher sagte, bei mir liege „Gehirnrheuma“ vor.

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