Der Aspergiller (Über mich)

Ich bin ein wenig (oder mehr?) eine Art Sonderling, schon seit meiner Kindheit.

Ich habe spät Laufen und Fahrradfahren gelernt und wegen meiner motorischen Ungeschicklichkeit war ich im Schulsport eine Niete. Auch habe ich, in einer sehr ländlichen Gegend Deutschlands aufgewachsen, nie den dortigen Dialekt und immer fast akzentfreies Schriftdeutsch gesprochen. Vor allem als Kind und Jugendlicher hatte ich oft Wutanfälle, in denen ich Gegenstände tätlich und Mitmenschen verbal massiv attakiert habe. Mancher Mitschüler hat mir diese Wutanfälle aber leider auch gerne absichtlich provoziert.

Auch als dieser Sonderling war ich jedoch immer irgendwie integriert. Ich habe ein Musikinstrument erlernt (ich spiele Gitarre und E-Bass), in meiner Zeit in der gymnasialen Oberstufe in der Schul-Big-Band gespielt und auch mal in einem Chor gesungen. Daneben interessiere ich mich für Geschichte. Besonders angetan haben es mir die Kartografiegeschichte, die Regionalgeschichte (der verschiedensten Regionen, in denen ich jeweils gelebt habe) und die Kirchengeschichte.

Generell stellt die römisch-katholische Kirche für mich ein sehr integratives Element meines Lebens dar. Nach meiner Erstkommunion wurde ich Ministrant. Später zusätzlich Teil einer Jugendband, die regelmässig Gottesdienste musikalisch mitgestaltet hat. Als Student wurde ich Mitglied in einer katholischen Studentenverbindung. Heute nehme ich in Eucharistiefeiern die Aufgaben als Lektor und Kommunionhelfer war, musiziere hin und wieder, ab und zu leite ich auch eine Wort-Gottes-Feier o.ä.

Meine berufliche Basis habe ich ausserhalb der Kirche gefunden.

Im Juni 2013 – nach meinem 40. Lebensjahr – wurde bei mir die Verdachtsdiagnose ICD-10 F84.5 – Autismus-Spektrum-Störung / Asperger-Syndrom gestellt. Derzeit bin ich in Abklärung bei einer darauf spezialisierten Fachperson. Je nach Erfüllung der Diagnosekriterien kann es beim Asperger-Syndrom bleiben, es kann aber am Ende auch als eine der anderen Formen, Hochfunktioneller Autismus oder Atypischer Autismus, ausfallen. Die aktuelle Forschung geht inzwischen auch davon aus, dass es ein Spektrum der Störungen im Autismus-Bereich gibt, Autismus-Spektrum-Störung genannt, und die ursprünglich festgelegten Formen (Asperger-Syndrom, Kanner-Syndrom etc.) jeweils nur einen bestimmten Teil jenes weit umfassenden Spektrums abdecken.

Blogs von Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung oder über diese gibt es einige. Exemplarisch sei hier auf drei verwiesen:
Quergedachtes : ein Blog über Autismus
Seinsdualität : eine Welt – zwei Wahrnehmungen
NT trifft Aspie

Wie viele Personen mit einer ASS liebe auch ich Wortspiele, so habe ich für meinen Namen und den dieses Blogs das liturgische Gerät Aspergill mit der Bezeichnung Asperger zu Aspergiller verschmolzen.

Warum aber noch ein Asperger-Blog? Ich möchte nicht generell über Overload, Meltdown und Shutdown etc. schreiben, sondern mich auf ASS im Zusammenhang mit meinem kirchlichen Engagement beschränken. Das mag die zu erwartende Anzahl der Blogbeiträge einschränken. Oder auch nicht. Wir werden es sehen…

3 Gedanken zu “Der Aspergiller (Über mich)

  1. Einen wunderschönen guten Abend! Ich habe schon einige Beiträge hier auf dem Block gelesen (über Facebook verlinkt) und fand sie alle sehr interessant, aber gerade las ich zum ersten Mal „Der Aspergiller (Über mich)“. Sehr spannend. Autismus-Spektrum-Störung. Hm…Mein Sohn wurde mit 4 Jahren auf Asperger- und Kanner-Autismus getestet, da er im Kindergarten als seltsam auffiel. Da er in der Lage war, sich vorzustellen,wenn er sich verwandeln könnte, welches Tier oder welche Pflanze er dann gerne wäre und warum, wurde Autismus als Diagnose ausgeschlossen. Trotzdem war er dann ein Jahr lang bei einem Kinder-Psychologen in Behandlung. Jetzt, mit 8 Jahren, gilt er in der Schule immer noch als „kein Gewöhnlicher“ (so die Lehrerin) . Er hat spät sprechen gelernt, seine Bewegungen waren (und sind) etwas ungeschickt. Jetzt drückt er sich sehr gewählt aus und spricht keinen Dialekt, was den anderen Kindern dann auch wieder auffällt. Als Kleinkind waren ihm Kindergruppen prinzipiell zu viel, er absentierte sich immer und spielte lieber allein. Er hat auch immer sehr spezielle Interessen, zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr interessierte er sich fast ausschließlich für Orgeln, seit er vier ist, sind Bionicles sein Thema, nun schon seit 4 Jahren. Bionicles nimmt er auch mit in die Kirche und stellt sie gerne um sich herum auf. Gottesdienste verfolgt er mit Interesse, ich kann meistens gar nicht alle Fragen beantworten, die er mir zum Inhalt stellt. Er verfolgt das Geschehen aber immer (fast) nur mit den Ohren, Blickkontakt zum Altar oder zur Kanzel sind ihm völlig unwichtig, er richtet sich auch nicht nach vorne aus – weder in der Kirche, noch in der Schule – und sitzt immer irgendwie schräg im Raum. Er nimmt überhaupt erst Blickkontakt zu anderen auf, seit wir das trainiert haben. Er ist sehr lieb, kann sich aber furchtbar aufregen und an Sachen festbeißen, die er irgendwie nicht versteht oder ungerecht findet. Ich weiß nicht, ob es „ein bisschen autistisch“ gibt, aber ich habe das Gefühl, die Diagnosen „Kanner“ oder „Asperger“ allein greift etwas zu kurz…

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    1. Es existiert in der Diagnostik leider immer noch die Vorstellung, dass autistische Menschen zu wenig Phantasie haben, weil sie sich ja nicht in andere hineinversetzten können. Da spielt die komplexe Thematik Theory of Mind / Mind-Blindness, in der deutschen Übersetzung nicht ganz einwandfrei bezeichnet als mangelnde kognitive Empathie, hinein.
      Auch in bin eigentlich zu phantasievoll für das Asperger-Syndrom…

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