Wir schweigen nicht!

Der 3. Dezember ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderung.

Die Organisition Pro Infirmis in der Schweiz hat dazu ein ansprechendes Logo geschaffen, dem ich gerne zur Verbreitung helfen möchte:
Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Ansprechend daher, weil Behinderung sinnbildlich oftmals immer noch mit einer Person im Rollstuhl dargestellt wird, jedoch weit darüber hinausgeht.

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Auch die Deutschen Bischofskonferenz hat eine Presseerklärung veröffentlicht.

Überall wird, gerade am heutigen Tag, für Inklusion oder doch zumindest Verständnis für Menschen mit Behinderung geworben. Wie notwendig das mitunter noch ist, merkt man daran, dass „Bist du behindert?“ – als Metapher für „Bist du geistig eingeschränkt?“ – nicht selten und eher bei jüngeren Menschen leicht über die Lippen kommt. Jemanden als „Mongo“ zu bezeichnen scheint zwar inzwischen aus der Mode gekommen zu sein, aber dafür gibt es inzwischen ja den Autismus, in der Form von „politischem Autismus“ etc.

Ja, Behinderungen, das ist facettenreich.

 

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland will Menschen mit Behinderungen schützen, in Artikel 3, Absatz 3:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Schreibt aber ausschliesslich Behinderung, ohne Konkretisierungen.

 

Ähnlich ist es in Österreich im Bundes-Verfassungsgesetz, in Artikel 7, Absatz 1. Hinzugefügt wird jedoch:

Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich dazu, die Gleichbehandlung von behinderten und nicht behinderten Menschen in allen Bereichen des täglichen Lebens zu gewährleisten.

 

Die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft hält in Artikel 8, Absatz 2 fest:

Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.

Und ergänzt es durch Artikel 8, Absatz 4:

Das Gesetz sieht Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten vor.

Was einzelne Schweizer dann doch nicht davon abhält, formell behinderte Nicht-Schweizer gerade wegen dem, was mit ihrer Behinderung zusammenhängt, zu diskriminieren. Dieses Thema aus meinem beruflichen Leben weiterzuverfolgen würde jedoch den Rahmen des aktuellen Beitrages sprengen.

„Psychische Behinderung“ ist übrigens in der Schweiz die übliche Formulierung, in Deutschland ist es die „seelischen Behinderung“, zumindest im Sinne des Sozialgesetzes.

 

Das 2006 verabschiedete und 2008 in Kraft getretene Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen, vereinfacht UN-Behindertenrechtskonvention, kurz BRK, genannt, hat folgende Formulierung in Artikel 1:

Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können.

Hier werden zur klassischen Dreiteilung – körperlich, geistig, seelisch/psychisch – noch eigenständig die Sinnesbeeinträchtigungen – Umgangssprachlich: Blinde, Taube und Stumme – aufgezählt, die traditionell den Körperbehinderungen zugewiesen werden.

 

Klassische Dreiteilung? Nicht jedem ist sie bekannt.

So gab es vor einiger Zeit sonntags in meiner heimatlichen Kirchengemeinde Fürbitten, in denen es hiess:
Für alle Menschen, die körperlich oder geistig behindert sind und dadurch oft zu Aussenseitern und Benachteiligten werden.

Den meisten Menschen scheint eben nicht bewusst zu sein, dass es neben den körperlichen und den geistigen Behinderungen noch eine dritte Form gibt, die seelische / psychische Behinderungen, zu denen auch Autismus zählt. Das mag damit zusammenhängen, dass das Bild über Autismus vereinfacht gesagt oftmals eine Person ist, die sabbernd und wimmernd in einer Ecke sitzt oder halt der Rain Man. Das nimmt man dann eher als geistige Behinderung wahr, die beim frühkindlichen Autismus ja auch tatsächlich eine sehr häufige Komorbidität darstellt.

 

Zusätzlich kommt noch die unerfreuliche Situation, dass gerade an autistischen Kindern dubiose und schädigende Therapieformen angewandt werden. Neben der Behandlung mit einer ätzenden Chlorbleiche mit der Marktbezeichnung MMS ist das eine auf Behaviorismus begründete Therapieform namens Applied Behavior Analysis (kurz: ABA), die seit einiger Zeit die Gemüter besonders bewegt, unterstützt doch gerade die Aktion Mensch diese äusserst umstrittene Therapieform.

Man sieht, es gibt viel zu tun und das erreicht man nicht mit Schweigen. Daher gilt, wie Aleksander Knauerhase in seinem Blog Quergedachtes den hier folgend rebloggten heutigen Beitrag überschreibt:

Wir schweigen nicht!

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Katholiban

Mitunter ist es stark präsent, das Lagerdenken der Gläubigen in der römisch-katholischen Kirche.

Gerade auf Facebook zeigt es sich durch Gruppen verschiedener Ausprägungen. Das führt bis hin zu einer Gruppe, in der mehr oder weniger versteckt Sympathisanten der Priesterbruderschaft St. Pius X. agieren. Auf der Gegenseite existieren natürlich liberale Gruppen. Dort sind Personen vertreten, die sich z.B. von der letzten Familiensynode in Rom einen Durchbruch dahingehend erwartet haben, dass die Geschiedenen und staatlich Wiederverheirateten legal die Kommunion empfangen dürfen.

Bin ich selbst eher konservativ oder liberal? Eine schwierige Frage für mich. Ich war einerseits als Jugendlicher Mitglied einer Jugendband und wir haben regelmässig den Sonntagsgottesdienst musikalisch und auch ein sonst ein Stück weit inhaltich gestaltet, wobei natürlich Lieder aus dem Bereich Neues Geistliches Lied zum Einsatz kamen. Auf der anderen Seite z.B. singe ich lieber das Tantum ergo in der lateinischen Originalsprache, als in der deutschen Übersetzung. Ich habe mein Katholisch-Sein meist als einen Mittelweg von Extremen angesehen.

Manche Vertreter jenes Katholischen Traditionalismus sind an folgender These zu erkennen: Einige Bischöfe im deutschsprachigen Raum wollen eine Art deutsche Nationalkirche errichten und sich von Rom abspalten. Meineserachtens ist man dann verschwörungstheoretisch nicht mehr weit davon entfernt, auch zu glauben, es gäbe Chemtrails und diese würden Autismus verursachen!
Oftmals verbindet sich dies mit einer Bevorzugung der ausserordentlichen Form des römischen Ritus (kurz: tridentinische Messe) und eine Bevorzugung der Mundkommunion vor der Handkommunion. Leider beschränkt es sich jedoch nicht darauf, dieses für sich persönlich zu bevorzugen, sondern es als „besser, aber das andere ist ja deswegen nicht schlecht“ darzustellen. Mit solchen Spitzfindigkeiten wird aber letztendlich nur die heute gebräuchliche ordentliche Form des römischen Ritus schlechtgemacht, denn wenn etwas „besser“ ist, dann muss folgerichtig das Gegenstück „schlechter“ sein. Man erkennt dies mitunter auch an Formulierungen wie „der römische Ritus und der neue Ritus“, womit der heute gebräuchlichen ordentlichen Form quasi abgesprochen wird, römischer Ritus zu sein.
Was das Thema Mund- oder Handkommunion angeht, so kenne ich persönlich einige Personen, die die Mundkommunion bevorzugen. Ich kenne sogar eine Person, die für sich selbst die Mundkommunion bevorzugt und als Kommunionhelfer tätig ist, wobei sie in dieser Funktion ja doch ebenso die Hostie in die Hand nimmt. Oft wird konstatiert, die Handkommunion führe zu einem weniger ehrfürchtigen Umgang mit der Hostie. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung als Kommunionhelfer trifft diese Verallgemeinerung jedoch nicht zu.

Leben und Lebenlassen. Das aber scheint für einige dieser sehr traditionalistischen Personen in manchen Facebook-Gruppen nicht der Fall zu sein. Nachrichtenportale wie Kath.net, Kreuz.net und Gloria.tv sind die bevorzugten Medien, aus denen Beiträge gepostet werden. Ist z.B. jemand homosexuell und bekennt sich offen dazu, muss er erwarten quasi geteert und gefedert zu werden.

Für solche Charaktere existiert ein inzwischen einigermassen verbreiterer Begriff:

Katholiban.

Ein Wortspiel aus Katholik und Taliban. Ach ja, ich als Aspie liebe Wortspiele, daher gefällt mir auch dieser Begriff.
Mir selbst fiel auch schon die Formulierung ein: Untoter Antimodernisteneid.

Es verwundert von daher nicht, dass eben auch Priester, die nicht nach dem Gustus jener Katholischen Traditionalisten sind, schroff verurteilt und recht übel angegangen werden. So ist es einem mir persönlich bekannten Priester ergangen, der regelmässig das Wort zum Sonntag spricht. Wolfgang Beck, ein Konsemester aus meinen 1 1/2 Jahren Theologiestudium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen (1993-1995):

Pfarrer Wolfgang Beck zum Thema Sterbehilfe
Wort zum Sonntag

Nun kenne ich wenige unter den regelmässigen Sonntags-Kirchgängern, die sich das Wort zum Sonntag ansehe. Es zählt damit ein Stück weit zu den sogenannten niederschwelligen Angeboten, die auch dem Zweck dienen sollen, Menschen zu erreichen, die eher kirchenfern sind. Wie über die sonntägliche Predigt, ist es natürlich ebenso legitim, über die Inhalte des Wort zum Sonntag zu diskutieren.

Diskutieren? Sehen Sie selbst:
Katholiban gegen WzS Wolfgang Beck

Diese Hetze wird aber nicht dadurch legitim, dass sie in einer Facebook-Gruppe erfolgt und wenn man dies als Deckmantel missbraucht!

Wie für so ziemlich jeden Asperger-Autisten typisch, besitze ich ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Ebenso typisch für Aspies ist eine hohe Loyalität. Es muss daher nicht verwundern, dass ich diese Hetze gegen einen römisch-katholischen Priester und mir freundschaftlich verbundenen früheren Mitstudenten als ausserordentlich ungerecht empfinde, ebenso, wie es nicht verwundern muss, dass ich ihn über jenen Umstand in Kenntnis gesetzt habe. Dies, indem ich obiges Bild bei ihm als Kommentar gepostet habe. Mit folgenden Worten:

  • Naja, Dir wird klar sein, dass Du nicht nur Freunde hast. Das Folgende ist halt das, was man eben auch zu lesen bekommt, wenn es einen in bestimmte Gruppen verschlägt (in denen ja nicht alles schlecht ist)

und

  • Mitbrüder und – schwestern aus der Kategorie „Katholiban“ – die in jener Gruppe gut vertreten sind – scheinen an allem, was nicht ihrem Gustus entspricht, etwas auszusetzen zu haben. Denen kann es nicht recht machen. Was erwartet man von Menschen, für die Handkommunion ein Sakrileg ist und sowieso die tridentinsiche Messe besser ist?
    (inkl. dem kleinen Tippfehler „tridentinsich“).

Nein, denen kann man es einfach nicht recht machen! Davon konnte sich auch Wolfgang Beck persönlich überzeugen, als er zeitweise jener Gruppe beigetreten war, um das direkte Gespräch mit seinen ‚Kritikern‘ zu suchen.

Schade, dass ein paar radikale Wortführer eine ganze Gruppe versauen.

Und auch mir ist inzwischen die Lust vergangen, da sich die typischen Spielchen neurotypischer Menschen anschlossen.
Ich hätte gerne sachlich mit einigen dort weiterdiskutiert, was anfangs möglich schien, aber letztendlich zeigte sich, dass es tatsächlich nie um die Sache ging. Bei der u.a. an mich gestellten Frage, wie ich denn eine Kirche bauen würde, wenn ich hypothetisch für einen Kirchenneubau verantwortlich wäre, ging es nie darum, dass man sich über Sakralarchitektur und speziell der Frage der Ost-Orientierung austauscht. Es war selbst für mich als Aspie zu durchschauen, dass es letztendlich nur darum ging, jemanden auf eine deren Ansicht nach ‚modernistische‘ Gesinnung festzunageln.

Und Tschüss! Ich kann auch ohne solche Facebook-Gruppen leben.

Genau in solchen Situationen verstehe ich andere Aspies, wenn sie sagen, sie wollen mit den verlogenen und betrügerischen NTs möglichst wenig zu tun haben.

Offener Brief an den Europäischen Bürgerbeauftragten und die Mitglieder des EU Parlaments

innerwelt

Aufruf:

Um diesen Brief möglichst weit zu verbreiten, brauchen wir eure Hilfe!

Zum einem könnt ihr hier in den Kommentaren unterzeichnen und damit öffentlich zeigen, dass wir viele sind.

Aber wir haben da noch ein Anliegen:
Er wird zwar einmal im Original an die entsprechende Stelle der EU versendet, aber damit wir wirklich gehört werden, möchte ich euch bitten, diesen Brief zu kopieren (copy and paste) und ihn an eure EU-Abgeordneten zu schicken.

Bitte vermerkt hier in den Kommentaren, welche Abgeordneten (+ Angabe Bundesland) schon angeschrieben wurden. Gerne auch doppelt und dreifach. Es soll nur darum gehen, dass wir sehen, welche Abgeordneten und Bundesländer noch ausstehen. Optimal wäre es, wenn jeder EU-Abgeordnete mindestens eine Fassung des Briefes erhält.
http://www.europarl.de/de/europa_und_sie/das_ep/abgeordnete.html

Gerne kann dies auch in den anderen EU- Staaten verbreitet werden. Umso mehr, umso besser.
Da es sich um die EU handelt, stellen wir dem Brief sowohl auf Deutsch als auch…

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Keine Ausreden mehr für Seelsorger – Buch besorgen!

Vergangenes Wochenende war es mir nicht möglich, direkt am Sonntag die Hl. Messe in der Kirche bei mir im Dorf, Mariä Geburt in Mochenwangen, zu besuchen. Daher bin ich auf die Vorabendmesse ausgewichen. Die findet nunmal im Wechsel statt, in einer der fünf Gemeinden, die die Seelsorgeeinheit Westliches Schussental im Dekanat Allgäu-Oberschwaben bilden. Zu St. Petrus und Paulus in Berg habe ich zudem einen positiven Bezug, da es die Hochzeitskirche meiner Eltern war (Anmerkung am Rande: Mein Vater hat in der Qualitätskontrolle bei der Firma Rafi in Berg gearbeitet, eines Herstellers von Schaltungen etc. und Spielzeuge in der Kindheit waren eben u.a. auch Tastenkappen der Firma Rafi. Und was macht so ein kleiner Aspie mit diesen Tastenkappen, obwohl wahrscheinlich nicht nur der kleine Aspie? Er sortiert sie nach den Symbolen, die sich auf den Tastenkappen befinden. Das waren zwar auch Zahlen, jedoch vorwiegend Buchstaben. Es ergibt sich daher die Frage, ob diese Rafi-Tastenkappen mich dahingehen geprägt haben, dass ich eine starke Wortassoziation besitze und nicht so sehr dem Klischee des Zahlen-Aspies entspreche). Nachdem ich am Wochenende davor sonntags die Wort-Gottes-Feier bei uns in Mochenwangen leitete, war es dann auch mal ganz angenehm, nicht schon wieder irgendwie im Dienst zu sein. Auch wenn ich meine Dienste gerne ausübe. Es ergab zudem eine schöne kleine Farradtour hin und zurück!

Wie in jeder Gemeinde unserer Seelsorgeeinheit so war auch in Berg an diesem Wochenende die Vorstellung der Firmbewerber, also der Jugendlichen, die sich darauf vorbereiten, das Sakrament der Firmung zu erhalten. Da verkrümmelten sich also drei bis vier Handvoll Jugendliche im Alter von ca. 15 Jahren in den Seitenbänken ganz hinten und kamen gerade einmal zur eigentlichen Vorstellung nach vorne – abgesehen von denen, die unter den Ministranten waren, denn diese standen ja sowieso schon vorne. In der eigenen Kirchengemeinde hätte ich wahrscheinlich zwei oder drei Personen gekannt, aber ich hege die Vermutung, viel mehr auch nicht.

Wenn auch die Firmung in der römisch-katholischen Kirche und die Konfirmation in den Kirchen der Reformation theologisch nicht identisch sind, die jungen Leute sind in einem vergleichbaren Alter.

Heute am Vormittag bin ich dann nämlich auf den Blogeintrag von Mädel in ihrem Innerwelt-Blog gestossen:

Konfirmation… Träume, Vorstellungen und die Hoffnung

Sie schreibt dort über ihren Sohn:

Ihm geht es, denke ich, tatsächlich um diese Gemeinschaft. Endlich dazu gehören. Nette Menschen. Kein Mobbing mehr. Hier müssen sie mich annehmen, wie ich bin. Endlich Freunde.
Ich hoffe wirklich, er wird nicht enttäuscht.

Ich habe diese Gemeinschaft in meiner Jugend erfahren dürfen. In der Kirche. Als Ministrant und in der Jugendgruppe bzw. -band. Ich wünsche ihm ebenso gute Erfahrungen!

Erschrocken hat mich dann doch, wie der Beitrag weiterging:

In der Kirche wollte mein Sohn einen Außenplatz, damit er nicht inmitten der Leute sitzen muss. Er kann Körperkontakt nur sehr schwer ertragen. Als er auf einen Platz zusteuerte wurde er vom Pfarrer gebremst. Der Platz ist für die Rollstuhlfahrer reserviert.
[…]
Mein Sohn hätte sich ja auch für einen Außenplatz an der Wand interessiert, aber da war alles voll und um einen zu bekommen, hätte er die Leute zum einem ansprechen und zum anderen sich durchzwängen müssen.

Ich bevorzuge in meiner heimatlichen Dorfkirche in Mochenwangen auch diejenigen Plätze, die in den Bankreihen ganz aussen liegen. Idealerweise einen von denen, der benachbart zu einer der Säulen ist. Das bietet eine gewissen Schutz gegen die Reizüberflutung. Und auch die von mir am Samstag besuchte Kirche in Berg besitzt in der durchgehenden Mittelreihe diese Bänke, die zwar mit einem deutlichen Abstand zu einer Säule enden, aber einen vergleichbaren Effekt bieten. Ich kann es zwar auch aushalten, mitten in der Bank zu sitzen, aber diese Randposition ist doch ein deutliches Stück angenehmer. Ich kann das von daher ein Stück weit nachvollziehen, wie schwierig es für den Sohn von Mädel gewesen sein muss.

Gut, ich bin die letzte, die einem Rollstuhlfahrer den Platz nehmen würde, das mal dazu, aber hallo Barrierefreiheit, auch für weniger offensichtliche Behinderte. Da bist du ja wieder.

Am Sonntag sass ich dann zweimal jeweils länger als zwei Stunden in einem fast vollbesetzen Reisebus. Unter den vielen Personen waren auch ein kleines Kind mit Down-Syndrom sowie eine erwachsene Frau im Rollstuhl. Vom Organisator dieser Fahrt wurde die Mühe, die jene Frau im Rollstuhl auf sich genommen hat, lobend erwähnt und von allen Businsassen mit einem Applaus gewürdigt. Was die Leute über diesen komischen Typen gedacht haben, der diese merkwürdigen Zuckungen hatte und lieber mit Ohrhöhrern im Ohr („Autistenstöpsel“) dasass, anstelle sich mit seinem Sitznachbarn zu unterhalten (wie unhöflich!), bwz.. bei den paar Worten, die er getauscht hat, diesem Sitznachbarn nicht richtig in die Augen gesehen hat, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Es ist richtig, dass Aufzüge, Rampen und weitere Hilfsmittel bestehen, um Menschen im Rollstuhl die selbstbestimmte Teilnahme im Alltag zu ermöglichen. Und wenn es ein Reisebus ist, der eben nicht über einen Niedeflureinstieg verfügt, dann stehen in einer geschlossenen Reisegruppe genügend Leute parat, Hilfe zu leisten. Aber, warum scheinen von vielen Menschen als Behinderungen nur diese angesehen zu werden, die durch sichtbare Hilfsmittel aus dem Sanitätshaus erkennbar sind: Rollstuhl, Krücken, Blindenstock o.ä.? Oder sie sind durch bestimmte körperliche Merkmale erkennbar, wie z.B. beim Down-Syndrom? Wobei eben auch diesbezüglich Anhaltspunkte existieren, die für Autismus sprechen könnten. Oder Verhaltensmuster, die für eine geistige Behinderung sprechen? Naja, auch Autisten haben merkwürdige Verhaltensmuster, sind aber allenfalls als Komorbidität geistig behindert. Aber eine seelische Behinderung? Meine Tics sind deutlich zu erkennen und, wie auch gestern, trage ich inzwischen meist einen Autismusschleifen-Pin an meiner Jacke. Selbst wenn ich mir den MP3-Player und die Ohrhörer auch im Sanitätshaus kaufen könnte, scheinen Autisten jedoch eine Art Behinderung zweiter Klasse zu haben. Mehr noch: Äussern sie ihre Wünsche hinsichtlich dessen, was hilfreich für sie ist, gelten sie möglicherweise als Rosinenpicker. Äussert man sich in einem Overload etwas gereizt – typisch für mich -, heisst es dann „Na, ein wenig unterzuckert?“ Auf Applaus für meine Teilnahme kann ich verzichten. Und ob dieser Applaus einem neurotypischen Menschen im Rollstuhl etwas bringt? Keine Ahnung. Ich kann mich ja als autistischer Mensch per Definition schwer in andere Menschen hineinversetzen, besonders in neurotypische. So wie ich eigentlich auch keine Ahnung von Ironie und Sarkasmus haben dürfte.

Ich stelle mich üblicherweise auch nicht einer Reisegruppe mir bisher unbekannter Personen vor, in dem ich sage: Grüss Gott, ich bin der Bernd, ein Asperger-Autist. Es ist natürlich auch so, wenn niemand in Kenntnis gesetzt wurde, dann können auch keine passenden Massnahmen erfolgen. Ich selbst brauche diese eben auch im Normalfall nicht zwingend. Aber wenn Kenntnis vorhanden wäre?

Und ja, der Pfarrer weiß über meinen Autismus bescheid und auch über den meines Sohnes.

Ich habe den Verdacht, viele Personen, die im kirchlichen Dienst stehen, wissen eben nicht, was Autismus bedeutet. Katholische Theologen neigen vermutlich doch eher dazu, ein Buch von Franz-Peter Tebartz van Elst – der ehemalige Diözesanbischof von Limburg a.d. Lahn – zu lesen, als von seinem Bruder Ludger Tebartz van Elst – der auf Autismus spezialisierte Psychiater an der Universitätsklinik Freiburg im Breisgau. Und in anderen Berufsgruppen sieht das nicht anders aus. Das immer noch weit vorherrschende Bild von Autismus wurde durch den Film Rain Man geprägt. Und das kriegt man leider nunmal schwer bei den Leuten aus dem Kopf.

Dabei gibt es mindestens eine Publikation, durch die man sich recht gut informieren kann. Und auch wenn dort primär die Situation in der römisch-katholischen Kirche beschrieben ist, so lässt sich beispielsweise das Kapitel „Kommunionunterricht/Firmkatechese“ analog auch auf die Konfirmation anweden.

Autismus-Spektrum-Störungen im kirchlichen Umfeld :
ein Leitfaden für Mitarbeiter aus Jugendarbeit
und Seelsorge / Katrin Moser. –
Norderstedt : Books on Demand, 2014. – 189, 5 S. –
ISBN 978-3-7357-4238-4

Es ist beispielweise hier bestellbar.

Ausreden gelten also eigentlich nicht mehr!

Dur und Moll

Neben meinen Tätigkeiten als Lektor und Kommunionhelfer beteilige ich mich auch an der musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten. Nein, ich bin kein Organist, ich habe eine Westerngitarre und einen E-Bass. Beide Instrumente besitze ich seit meiner Schulzeit.

Ich habe mich da zwei Frauen angeschlossen – eine spielt ebenso Gitarre, die andere Akkordeon -, die schon, bevor ich dazugestossen bin, diese Aufgabe ausgeführt haben. Meist geht es um monatlich eine Werktagabendmesse und die gespielten Lieder sind vorwiegend in dem in der eigenen Diözese Rottenburg-Stuttgart entstandenen Liederbuch Erdentöne-Himmelsklang enthalten.

Wenn ein Lied in einer anderen Tonlage als die angebene als besser zu Singen angesehen wird, dann wandert mitunter auch schonmal ein Stift über die Seiten von Privatexemplaren jenes Liederbuches, um die dann gültigen Akkorde hinzuschreiben. Nun sind ja Handschriften etwas Individuelles und manchmal ist der Unterschied zwischen einem „C“ und einem „c“ nicht zu erkennen.

Frage von mir: „Was ist das für ein Akkord?“
Antwort: „Ein normales C, kein Moll.“

Aha! Dumm gelaufen, wenn man mit so einer Antwort an jemanden wie mich gerät, der leicht darüber ins Grübeln kommt. Ohne jetzt darauf einzugehen, dass man womöglich auch per Gefühl und Harmonielehre hätte darauf kommen können, ob es C-Dur oder c-Moll ist, fällt an dieser Aussage auf: Dur ist normal. Wenn aber der Dur-Akkord normal ist, was ist dann der Moll-Akkord?

Das Gleiche findet man ja auch in Bezug auf Autismus. Man liest und hört oft von normalen Menschen, im Vergleich zu autistischen Menschen.
Es ist verständlich, dass autistische Menschen das so ablehnen und deswegen für nicht-autistische Menschen den Begriff Neurotypisch kreiert haben.

Was ist denn aber beispielsweise an Menschen im Rollstuhl nicht normal? Dass sie nicht wie jeder normale Mensch gehen können? Ich meine, es kommt seltener vor, in Bezug auf körperbehinderte Menschen andere, nichtkörperbehinderte Menschen als normal zu bezeichnen und dadurch dem körperbehinderten Menschen eine Normalität abzusprechen, als dies der Fall ist, wenn über Autisten berichtet wird. Gerade wenn es um Personen mit der Diagnose Asperger-Syndrom geht, die, wie ich, vorwiegend durch eine gewisse, aber für neurotypische Menschen oft schwer zu definierende Seltsamkeit auffallen.

Ist es aber in unserer Gesellschaft nicht auch wie in der Musik? Man kann ein Musikstück komponieren und nur Dur-Tonarten verwenden. Man kann auch, seltener, nur Moll-Tonarten einsetzen. Normal ist jedoch das Vorkommen von sowohl Dur- als auch Moll-Tonarten.
Und gerade dadurch lebt die Musik.

Brief an einen autistischen Jungen

Unter Briefe an einen zehnjährigen Autisten werden Briefe (Blogeinträge etc.) an einen 10jährigen autistischen Jungen veröffentlicht. Es heisst dort:

„Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt. Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht. Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein. Erzählt ihm, wie ihr als Zehnjährige wart, was gut war und was doof, und wie es weiterging. Erzählt, was euch immer einfällt und ihr ihm gerne sagen wollt.“

Natürlich war ich auch einmal 10 Jahre alt. Allerdings wusste ich damals noch nichts davon, dass ich autistisch bin. Viel später, als Jugendlicher, habe ich mal diesen „Rain Man“-Film gesehen, da aber das autistische Spektrum derart breit und der Autismus bei jeder Person anders ausgeprägt ist, wird man zwischen dem von Dustin Hoffman dargestellten Protagonisten Raymond Babbitt und mir weniger Übereinstimmungen finden, als zwischen mir und vielen neurotypischen Menschen. Und selbst bei Filmen wie Adam – Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der Andere, Mozart und der Wal sowie Im Weltraum hat es keine Gefühle tue ich mir mitunter recht schwer, mich wiederzuerkennen. Meine Diagnose habe ich erst nach meinem 40. Lebensjahr erhalten, wo Kindheit, Jugend, Schule, Studium und eine gehörige Portion des Berufslebens schon hinter mir liegen.

Wie war es bei mir, als ich ca. 10 Jahre alt war? Zu jener Zeit lebte ich in dem Dorf in dem ich auch heute wieder lebe, ca. 10 km von der oberschwäbischen Kleinstadt Ravensburg entfernt. Ich hatte bis zu meinem 9. Lebensjahr eigentlich eine angenehme Kindheit. Ich bin als Einzelkind grossgeworden und dadurch, dass ich immer ein eigenes Zimmer hatte, war für mich auch immer genügend Rückzugsraum gegeben. Zudem läuft es auf dem Dorf ruhiger ab als in einer Grossstadt. Ich hatte mit 9 Jahren im Frühjar 1981 bei uns in der römisch-katholischen Dorfkirche meine Erstkommunion. Danach begab sich mein Vater zu seiner zweiten Herzoperation an die Universitätsklinik nach Freiburg im Breisgau. Meine Mutter und ich pendelten im folgenden halben Jahr zwischen unserer Wohnung und Freiburg hin- und her. Das war ein enormer emotionaler Stress. Unter diesem enormen Stress wurden das erste Mal meine Tics für jeden deutlich sichtbar. Nach einer Verlegung aus Freiburg in das Elisabethen-Krankenhaus in Ravensburg verstarb mein Vater im Herbst 1981. Für mich überraschend und wie ein Schock, da ich die Verlegung als Anzeichen der Verbessung gedeutet hatte. Es erfolgte auf die Nachricht vom Tode ein Reaktionsmuster, das man wohl als „typisch autistisch“ bezeichnen könnte. Ich weinte vielleicht zehn Minuten. Am nächsten Tag musste meine Mutter mich davon abhalten wie gewöhnlich zur Schule zu gehen. Meine Mutter musste mich auch davon abhalten, dass ich an der Beerdigung meines Vaters als Ministrant teilnehme. Getrauert habe ich auf meine Art: Ich habe die folgenden ca. 2 Jahre in meinem Schulfüller nur Patronen mit schwarzer Tinte gehabt. Die Lehrer haben es geduldet, vielleicht auch, weil es keine Bestimmung gab, die das untersagt hat. Es ist zudem wahrlich keine angenehme Erinnerung, am offenen Sarg einer Person zu stehen, zu der man ein inniges Verhältnis hatte. Das hat mir ein Trauma beschert, das ich erst als Erwachsener unter widrigen Umständen ein ganzes Stück weit aufarbeiten konnte. Meine Mutter ist, primär wegen meinen Tics, damals mit mir zu einem Psychiater gegangen, der aber auch nur etwas von Gehirnrheuma faselnd nach ein paar Sitzungen aufgegeben hat. Kenntnisse über Autismus oder gar den Begriff Asperger-Syndrom durfte man damals von so einem Kleinstadt-Psychiater auch nicht unbedingt erwarten. So war ich, als ich ca. 10 Jahre alt war, hauptsächlich damit beschäftigt, mich in meiner Situation als Halbwaise zurechtzufinden.

Wer immer Du bist – und da Du Dich selbst als defekt ansiehst, gehe ich davon aus, dass Du Dir Deines Andersseins durch den Autismus sehr bewusst und Du intelligent bist – lass Dir von meiner Seite vor allem eines sagen: Wenn beide Deiner Eltern noch leben, dann hast Du möglicherweise ein schöneres Leben, als ich es mit 10 Jahren hatte, unabhängig vom Autismus. Ich habe mich als Halbwaise defekter gefühlt als wegen etwas, von dem ich bis vor nicht allzulanger Zeit gar nicht wusste, was es ist, was mich vorwiegend etwas verschroben und sonderbar macht.