Offener Brief an den Europäischen Bürgerbeauftragten und die Mitglieder des EU Parlaments

innerwelt

Aufruf:

Um diesen Brief möglichst weit zu verbreiten, brauchen wir eure Hilfe!

Zum einem könnt ihr hier in den Kommentaren unterzeichnen und damit öffentlich zeigen, dass wir viele sind.

Aber wir haben da noch ein Anliegen:
Er wird zwar einmal im Original an die entsprechende Stelle der EU versendet, aber damit wir wirklich gehört werden, möchte ich euch bitten, diesen Brief zu kopieren (copy and paste) und ihn an eure EU-Abgeordneten zu schicken.

Bitte vermerkt hier in den Kommentaren, welche Abgeordneten (+ Angabe Bundesland) schon angeschrieben wurden. Gerne auch doppelt und dreifach. Es soll nur darum gehen, dass wir sehen, welche Abgeordneten und Bundesländer noch ausstehen. Optimal wäre es, wenn jeder EU-Abgeordnete mindestens eine Fassung des Briefes erhält.
http://www.europarl.de/de/europa_und_sie/das_ep/abgeordnete.html

Gerne kann dies auch in den anderen EU- Staaten verbreitet werden. Umso mehr, umso besser.
Da es sich um die EU handelt, stellen wir dem Brief sowohl auf Deutsch als auch…

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Offener Brief an die Aktion Mensch

Aktion Mensch (mitgetragen u.a. vom Deutschen Caritasverband) ist eine Organisation für und mit Behinderten? Nun ja…

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Sehr geehrter Herr von Buttlar, sehr geehrter Herr Dr. Bellut , sehr geehrter Herr Decker, sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes, Aufsichtsrates und Kuratoriums der Aktion Mensch,

die Aktion Mensch möchte Menschen mit einer oder mehreren Behinderungen helfen, sie über Projekte unterstützen und legt großen Wert auf das vortreiben von Inklusion in Deutschland.

Ich wende mich als Mensch mit Behinderung in der Hoffnung an Sie, dass auch die Stimme der Menschen für die Sie etwas erreichen möchten gehört wird.

Vor Kurzem ist einigen Autisten aufgefallen, dass die Aktion Mensch ein Projekt zur Frühförderung von Autisten in Bremen fördert. Ein Projekt des Institutes für Autismusforschung. Hierbei handelt es sich um ein in der Wissenschaft, unter Fachleiuten und besonders unter Autisten sehr umstrittenes Konzept das auf dem System der Applied Behavior Analysis aufbaut. Insoweit betrifft diese Problematik nicht nur das IfA in Bremen sondern auch andere Projekte (unter anderem MIA in Münster) in…

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Keine Ausreden mehr für Seelsorger – Buch besorgen!

Vergangenes Wochenende war es mir nicht möglich, direkt am Sonntag die Hl. Messe in der Kirche bei mir im Dorf, Mariä Geburt in Mochenwangen, zu besuchen. Daher bin ich auf die Vorabendmesse ausgewichen. Die findet nunmal im Wechsel statt, in einer der fünf Gemeinden, die die Seelsorgeeinheit Westliches Schussental im Dekanat Allgäu-Oberschwaben bilden. Zu St. Petrus und Paulus in Berg habe ich zudem einen positiven Bezug, da es die Hochzeitskirche meiner Eltern war (Anmerkung am Rande: Mein Vater hat in der Qualitätskontrolle bei der Firma Rafi in Berg gearbeitet, eines Herstellers von Schaltungen etc. und Spielzeuge in der Kindheit waren eben u.a. auch Tastenkappen der Firma Rafi. Und was macht so ein kleiner Aspie mit diesen Tastenkappen, obwohl wahrscheinlich nicht nur der kleine Aspie? Er sortiert sie nach den Symbolen, die sich auf den Tastenkappen befinden. Das waren zwar auch Zahlen, jedoch vorwiegend Buchstaben. Es ergibt sich daher die Frage, ob diese Rafi-Tastenkappen mich dahingehen geprägt haben, dass ich eine starke Wortassoziation besitze und nicht so sehr dem Klischee des Zahlen-Aspies entspreche). Nachdem ich am Wochenende davor sonntags die Wort-Gottes-Feier bei uns in Mochenwangen leitete, war es dann auch mal ganz angenehm, nicht schon wieder irgendwie im Dienst zu sein. Auch wenn ich meine Dienste gerne ausübe. Es ergab zudem eine schöne kleine Farradtour hin und zurück!

Wie in jeder Gemeinde unserer Seelsorgeeinheit so war auch in Berg an diesem Wochenende die Vorstellung der Firmbewerber, also der Jugendlichen, die sich darauf vorbereiten, das Sakrament der Firmung zu erhalten. Da verkrümmelten sich also drei bis vier Handvoll Jugendliche im Alter von ca. 15 Jahren in den Seitenbänken ganz hinten und kamen gerade einmal zur eigentlichen Vorstellung nach vorne – abgesehen von denen, die unter den Ministranten waren, denn diese standen ja sowieso schon vorne. In der eigenen Kirchengemeinde hätte ich wahrscheinlich zwei oder drei Personen gekannt, aber ich hege die Vermutung, viel mehr auch nicht.

Wenn auch die Firmung in der römisch-katholischen Kirche und die Konfirmation in den Kirchen der Reformation theologisch nicht identisch sind, die jungen Leute sind in einem vergleichbaren Alter.

Heute am Vormittag bin ich dann nämlich auf den Blogeintrag von Mädel in ihrem Innerwelt-Blog gestossen:

Konfirmation… Träume, Vorstellungen und die Hoffnung

Sie schreibt dort über ihren Sohn:

Ihm geht es, denke ich, tatsächlich um diese Gemeinschaft. Endlich dazu gehören. Nette Menschen. Kein Mobbing mehr. Hier müssen sie mich annehmen, wie ich bin. Endlich Freunde.
Ich hoffe wirklich, er wird nicht enttäuscht.

Ich habe diese Gemeinschaft in meiner Jugend erfahren dürfen. In der Kirche. Als Ministrant und in der Jugendgruppe bzw. -band. Ich wünsche ihm ebenso gute Erfahrungen!

Erschrocken hat mich dann doch, wie der Beitrag weiterging:

In der Kirche wollte mein Sohn einen Außenplatz, damit er nicht inmitten der Leute sitzen muss. Er kann Körperkontakt nur sehr schwer ertragen. Als er auf einen Platz zusteuerte wurde er vom Pfarrer gebremst. Der Platz ist für die Rollstuhlfahrer reserviert.
[…]
Mein Sohn hätte sich ja auch für einen Außenplatz an der Wand interessiert, aber da war alles voll und um einen zu bekommen, hätte er die Leute zum einem ansprechen und zum anderen sich durchzwängen müssen.

Ich bevorzuge in meiner heimatlichen Dorfkirche in Mochenwangen auch diejenigen Plätze, die in den Bankreihen ganz aussen liegen. Idealerweise einen von denen, der benachbart zu einer der Säulen ist. Das bietet eine gewissen Schutz gegen die Reizüberflutung. Und auch die von mir am Samstag besuchte Kirche in Berg besitzt in der durchgehenden Mittelreihe diese Bänke, die zwar mit einem deutlichen Abstand zu einer Säule enden, aber einen vergleichbaren Effekt bieten. Ich kann es zwar auch aushalten, mitten in der Bank zu sitzen, aber diese Randposition ist doch ein deutliches Stück angenehmer. Ich kann das von daher ein Stück weit nachvollziehen, wie schwierig es für den Sohn von Mädel gewesen sein muss.

Gut, ich bin die letzte, die einem Rollstuhlfahrer den Platz nehmen würde, das mal dazu, aber hallo Barrierefreiheit, auch für weniger offensichtliche Behinderte. Da bist du ja wieder.

Am Sonntag sass ich dann zweimal jeweils länger als zwei Stunden in einem fast vollbesetzen Reisebus. Unter den vielen Personen waren auch ein kleines Kind mit Down-Syndrom sowie eine erwachsene Frau im Rollstuhl. Vom Organisator dieser Fahrt wurde die Mühe, die jene Frau im Rollstuhl auf sich genommen hat, lobend erwähnt und von allen Businsassen mit einem Applaus gewürdigt. Was die Leute über diesen komischen Typen gedacht haben, der diese merkwürdigen Zuckungen hatte und lieber mit Ohrhöhrern im Ohr („Autistenstöpsel“) dasass, anstelle sich mit seinem Sitznachbarn zu unterhalten (wie unhöflich!), bwz.. bei den paar Worten, die er getauscht hat, diesem Sitznachbarn nicht richtig in die Augen gesehen hat, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Es ist richtig, dass Aufzüge, Rampen und weitere Hilfsmittel bestehen, um Menschen im Rollstuhl die selbstbestimmte Teilnahme im Alltag zu ermöglichen. Und wenn es ein Reisebus ist, der eben nicht über einen Niedeflureinstieg verfügt, dann stehen in einer geschlossenen Reisegruppe genügend Leute parat, Hilfe zu leisten. Aber, warum scheinen von vielen Menschen als Behinderungen nur diese angesehen zu werden, die durch sichtbare Hilfsmittel aus dem Sanitätshaus erkennbar sind: Rollstuhl, Krücken, Blindenstock o.ä.? Oder sie sind durch bestimmte körperliche Merkmale erkennbar, wie z.B. beim Down-Syndrom? Wobei eben auch diesbezüglich Anhaltspunkte existieren, die für Autismus sprechen könnten. Oder Verhaltensmuster, die für eine geistige Behinderung sprechen? Naja, auch Autisten haben merkwürdige Verhaltensmuster, sind aber allenfalls als Komorbidität geistig behindert. Aber eine seelische Behinderung? Meine Tics sind deutlich zu erkennen und, wie auch gestern, trage ich inzwischen meist einen Autismusschleifen-Pin an meiner Jacke. Selbst wenn ich mir den MP3-Player und die Ohrhörer auch im Sanitätshaus kaufen könnte, scheinen Autisten jedoch eine Art Behinderung zweiter Klasse zu haben. Mehr noch: Äussern sie ihre Wünsche hinsichtlich dessen, was hilfreich für sie ist, gelten sie möglicherweise als Rosinenpicker. Äussert man sich in einem Overload etwas gereizt – typisch für mich -, heisst es dann „Na, ein wenig unterzuckert?“ Auf Applaus für meine Teilnahme kann ich verzichten. Und ob dieser Applaus einem neurotypischen Menschen im Rollstuhl etwas bringt? Keine Ahnung. Ich kann mich ja als autistischer Mensch per Definition schwer in andere Menschen hineinversetzen, besonders in neurotypische. So wie ich eigentlich auch keine Ahnung von Ironie und Sarkasmus haben dürfte.

Ich stelle mich üblicherweise auch nicht einer Reisegruppe mir bisher unbekannter Personen vor, in dem ich sage: Grüss Gott, ich bin der Bernd, ein Asperger-Autist. Es ist natürlich auch so, wenn niemand in Kenntnis gesetzt wurde, dann können auch keine passenden Massnahmen erfolgen. Ich selbst brauche diese eben auch im Normalfall nicht zwingend. Aber wenn Kenntnis vorhanden wäre?

Und ja, der Pfarrer weiß über meinen Autismus bescheid und auch über den meines Sohnes.

Ich habe den Verdacht, viele Personen, die im kirchlichen Dienst stehen, wissen eben nicht, was Autismus bedeutet. Katholische Theologen neigen vermutlich doch eher dazu, ein Buch von Franz-Peter Tebartz van Elst – der ehemalige Diözesanbischof von Limburg a.d. Lahn – zu lesen, als von seinem Bruder Ludger Tebartz van Elst – der auf Autismus spezialisierte Psychiater an der Universitätsklinik Freiburg im Breisgau. Und in anderen Berufsgruppen sieht das nicht anders aus. Das immer noch weit vorherrschende Bild von Autismus wurde durch den Film Rain Man geprägt. Und das kriegt man leider nunmal schwer bei den Leuten aus dem Kopf.

Dabei gibt es mindestens eine Publikation, durch die man sich recht gut informieren kann. Und auch wenn dort primär die Situation in der römisch-katholischen Kirche beschrieben ist, so lässt sich beispielsweise das Kapitel „Kommunionunterricht/Firmkatechese“ analog auch auf die Konfirmation anweden.

Autismus-Spektrum-Störungen im kirchlichen Umfeld :
ein Leitfaden für Mitarbeiter aus Jugendarbeit
und Seelsorge / Katrin Moser. –
Norderstedt : Books on Demand, 2014. – 189, 5 S. –
ISBN 978-3-7357-4238-4

Es ist beispielweise hier bestellbar.

Ausreden gelten also eigentlich nicht mehr!

Dur und Moll

Neben meinen Tätigkeiten als Lektor und Kommunionhelfer beteilige ich mich auch an der musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten. Nein, ich bin kein Organist, ich habe eine Westerngitarre und einen E-Bass. Beide Instrumente besitze ich seit meiner Schulzeit.

Ich habe mich da zwei Frauen angeschlossen – eine spielt ebenso Gitarre, die andere Akkordeon -, die schon, bevor ich dazugestossen bin, diese Aufgabe ausgeführt haben. Meist geht es um monatlich eine Werktagabendmesse und die gespielten Lieder sind vorwiegend in dem in der eigenen Diözese Rottenburg-Stuttgart entstandenen Liederbuch Erdentöne-Himmelsklang enthalten.

Wenn ein Lied in einer anderen Tonlage als die angebene als besser zu Singen angesehen wird, dann wandert mitunter auch schonmal ein Stift über die Seiten von Privatexemplaren jenes Liederbuches, um die dann gültigen Akkorde hinzuschreiben. Nun sind ja Handschriften etwas Individuelles und manchmal ist der Unterschied zwischen einem „C“ und einem „c“ nicht zu erkennen.

Frage von mir: „Was ist das für ein Akkord?“
Antwort: „Ein normales C, kein Moll.“

Aha! Dumm gelaufen, wenn man mit so einer Antwort an jemanden wie mich gerät, der leicht darüber ins Grübeln kommt. Ohne jetzt darauf einzugehen, dass man womöglich auch per Gefühl und Harmonielehre hätte darauf kommen können, ob es C-Dur oder c-Moll ist, fällt an dieser Aussage auf: Dur ist normal. Wenn aber der Dur-Akkord normal ist, was ist dann der Moll-Akkord?

Das Gleiche findet man ja auch in Bezug auf Autismus. Man liest und hört oft von normalen Menschen, im Vergleich zu autistischen Menschen.
Es ist verständlich, dass autistische Menschen das so ablehnen und deswegen für nicht-autistische Menschen den Begriff Neurotypisch kreiert haben.

Was ist denn aber beispielsweise an Menschen im Rollstuhl nicht normal? Dass sie nicht wie jeder normale Mensch gehen können? Ich meine, es kommt seltener vor, in Bezug auf körperbehinderte Menschen andere, nichtkörperbehinderte Menschen als normal zu bezeichnen und dadurch dem körperbehinderten Menschen eine Normalität abzusprechen, als dies der Fall ist, wenn über Autisten berichtet wird. Gerade wenn es um Personen mit der Diagnose Asperger-Syndrom geht, die, wie ich, vorwiegend durch eine gewisse, aber für neurotypische Menschen oft schwer zu definierende Seltsamkeit auffallen.

Ist es aber in unserer Gesellschaft nicht auch wie in der Musik? Man kann ein Musikstück komponieren und nur Dur-Tonarten verwenden. Man kann auch, seltener, nur Moll-Tonarten einsetzen. Normal ist jedoch das Vorkommen von sowohl Dur- als auch Moll-Tonarten.
Und gerade dadurch lebt die Musik.

Brief an einen autistischen Jungen

Unter Briefe an einen zehnjährigen Autisten werden Briefe (Blogeinträge etc.) an einen 10jährigen autistischen Jungen veröffentlicht. Es heisst dort:

„Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt. Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht. Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein. Erzählt ihm, wie ihr als Zehnjährige wart, was gut war und was doof, und wie es weiterging. Erzählt, was euch immer einfällt und ihr ihm gerne sagen wollt.“

Natürlich war ich auch einmal 10 Jahre alt. Allerdings wusste ich damals noch nichts davon, dass ich autistisch bin. Viel später, als Jugendlicher, habe ich mal diesen „Rain Man“-Film gesehen, da aber das autistische Spektrum derart breit und der Autismus bei jeder Person anders ausgeprägt ist, wird man zwischen dem von Dustin Hoffman dargestellten Protagonisten Raymond Babbitt und mir weniger Übereinstimmungen finden, als zwischen mir und vielen neurotypischen Menschen. Und selbst bei Filmen wie Adam – Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der Andere, Mozart und der Wal sowie Im Weltraum hat es keine Gefühle tue ich mir mitunter recht schwer, mich wiederzuerkennen. Meine Diagnose habe ich erst nach meinem 40. Lebensjahr erhalten, wo Kindheit, Jugend, Schule, Studium und eine gehörige Portion des Berufslebens schon hinter mir liegen.

Wie war es bei mir, als ich ca. 10 Jahre alt war? Zu jener Zeit lebte ich in dem Dorf in dem ich auch heute wieder lebe, ca. 10 km von der oberschwäbischen Kleinstadt Ravensburg entfernt. Ich hatte bis zu meinem 9. Lebensjahr eigentlich eine angenehme Kindheit. Ich bin als Einzelkind grossgeworden und dadurch, dass ich immer ein eigenes Zimmer hatte, war für mich auch immer genügend Rückzugsraum gegeben. Zudem läuft es auf dem Dorf ruhiger ab als in einer Grossstadt. Ich hatte mit 9 Jahren im Frühjar 1981 bei uns in der römisch-katholischen Dorfkirche meine Erstkommunion. Danach begab sich mein Vater zu seiner zweiten Herzoperation an die Universitätsklinik nach Freiburg im Breisgau. Meine Mutter und ich pendelten im folgenden halben Jahr zwischen unserer Wohnung und Freiburg hin- und her. Das war ein enormer emotionaler Stress. Unter diesem enormen Stress wurden das erste Mal meine Tics für jeden deutlich sichtbar. Nach einer Verlegung aus Freiburg in das Elisabethen-Krankenhaus in Ravensburg verstarb mein Vater im Herbst 1981. Für mich überraschend und wie ein Schock, da ich die Verlegung als Anzeichen der Verbessung gedeutet hatte. Es erfolgte auf die Nachricht vom Tode ein Reaktionsmuster, das man wohl als „typisch autistisch“ bezeichnen könnte. Ich weinte vielleicht zehn Minuten. Am nächsten Tag musste meine Mutter mich davon abhalten wie gewöhnlich zur Schule zu gehen. Meine Mutter musste mich auch davon abhalten, dass ich an der Beerdigung meines Vaters als Ministrant teilnehme. Getrauert habe ich auf meine Art: Ich habe die folgenden ca. 2 Jahre in meinem Schulfüller nur Patronen mit schwarzer Tinte gehabt. Die Lehrer haben es geduldet, vielleicht auch, weil es keine Bestimmung gab, die das untersagt hat. Es ist zudem wahrlich keine angenehme Erinnerung, am offenen Sarg einer Person zu stehen, zu der man ein inniges Verhältnis hatte. Das hat mir ein Trauma beschert, das ich erst als Erwachsener unter widrigen Umständen ein ganzes Stück weit aufarbeiten konnte. Meine Mutter ist, primär wegen meinen Tics, damals mit mir zu einem Psychiater gegangen, der aber auch nur etwas von Gehirnrheuma faselnd nach ein paar Sitzungen aufgegeben hat. Kenntnisse über Autismus oder gar den Begriff Asperger-Syndrom durfte man damals von so einem Kleinstadt-Psychiater auch nicht unbedingt erwarten. So war ich, als ich ca. 10 Jahre alt war, hauptsächlich damit beschäftigt, mich in meiner Situation als Halbwaise zurechtzufinden.

Wer immer Du bist – und da Du Dich selbst als defekt ansiehst, gehe ich davon aus, dass Du Dir Deines Andersseins durch den Autismus sehr bewusst und Du intelligent bist – lass Dir von meiner Seite vor allem eines sagen: Wenn beide Deiner Eltern noch leben, dann hast Du möglicherweise ein schöneres Leben, als ich es mit 10 Jahren hatte, unabhängig vom Autismus. Ich habe mich als Halbwaise defekter gefühlt als wegen etwas, von dem ich bis vor nicht allzulanger Zeit gar nicht wusste, was es ist, was mich vorwiegend etwas verschroben und sonderbar macht.

Der „Erzbischof“ und die Nonne

Der Herr hat seiner Kirche die Aufgabe anvertraut, das Glaubensgut zu hüten, und sie erfüllt diese Aufgabe zu allen Zeiten.

So steht es in der Einleitung zum Katechismus der römisch-katholischen Kirche, der auch in deutscher Sprache 1997 erschienen ist. Und auch in Folge ist immer von der Kirche, Singular, die Rede. Wie bei eigentlichen allen Veröffentlichungen und in der Liturgie der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Es kann daher nur eine Kirche Jesu Christi geben, die, entsprechend dem 2. Vatikanischen Konzil, als die römisch-katholische Kirche subsitiert (d.h. die römisch-katholische Kirche nimmt die Existenz der einen Kirche Jesu Christi vorweg). In anderen christlichen Gemeinschaften, die sich als Kirche verstehen, werden jedoch auch von römisch-katholischer Seite aus Elemente dieser einen Kirche Jesu Christi gesehen, ja mitunter sind sie dort sogar deutlicher realisiert. Die Liturgie der Ostkirchen und die hohe Wertschätzung der Schrift bei den Kirchen der Reformation erfahren eine dementsprechende Würdigung.

Diese eine Kirche Jesu Christi sind alle Menschen, die an Christus glauben und durch das Band der Taufe verbunden sind. In dieser einfachen Definition können sich auch unzählige christliche Kleinstgemeinschaften wiederfinden. Von staatlicher Seite wird jedoch vorwiegend durch das Staatskirchenrecht definiert, was eine Kirche im Sinne einer anerkannten Glaubensgemeinschaft ist.

Gerade in den USA, dem Land wo liberal für viele Menschen ein Schimpfwort ist, existieren jedoch in dieser Hinsicht die liberalsten Regelungen und Ansichten. „Kirchen“ können in den USA mitunter leichter gegründet werden, als in Deutschland Vereine. Wie sehr diese dann noch immer auf dem Boden des Nicäno-Konstantinopolitanum stehen ist mitunter dann schon recht fraglich.

Die bekannteste dieser in den USA entstandenen „Kirchen“, die mit Christentum nun wirklich nichts mehr zu tun hat, dürfte die Scientology-Organisation sein, die sich selbst als „Kirche“ bezeichnet.

Für jeden rechtgläubigen Christen ist eine solche Organisation, die sich das Vokabular der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zu eigen macht und ihre eigene Welt darum herum aufbaut, ein Absurdum. Für mich steht es dem Empfinden nach auf der gleichen Stufe wie Blasphemie!

 

Gleichfalls eine Pseudokirche ist eine Organisation namens

Genesis II Church of Health and Healing.

Diese Sekte schreibt auf ihrer Website: „Remember, a Church is nothing more than a group of people who have joined together for some common purpose.“ Das ist die Definition eines Vereins. Aber nach christlichen Glaubensgrundsätzen, und besonders denen der römisch-katholischen Kirche, ist dies bei der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche nicht der Fall!

Diese Organisation wurde von einer Person geründet:

Jim Humble

Jim Humble, der auch als Ex-Scientologe gilt und dort wohl viel zur Gründung und Aufrechterhaltung seiner eigenen Sekte gelernt hat, wird auf der Website seiner „Kirche“ als „Ezbischof“ tituliert und so bezeichnet er sich auch selbst auf seiner eigenen Website. Auch hier wird die kirchliche Terminologie einfach so übernommen, ohne dass ein Bezug zum Christentum besteht.

Angehörige dieser Sekte können sich zum „Minister“ (in etwa Prediger/Pastor/Pfarrer) ausbilden lassen. Getreue Anhänger des „Erzbischofs“ Jim Humble werden von diesem mit der Ernennung zum „Bischof“ belohnt. Dies drückt sich durch die Zahlen auf einer alternativen Website jener „Kirche“ folgendermassen aus:
„Total Members (regular tithe Paying) – 1954 (In 113 countries), Total Health Ministers – 1384, Total Bishops – 76, Total Churches – 156“

Als wenn es das nicht gewesen wäre, gibt es in jener „Kirche“ auch „Sakramente“. Auf der offiziellen Website jener Sekte findet man ihr „Glaubensbekenntnis“ in dem des heisst:
„We use MMS and a number of other powders, solutions, herbs, chemicals and technology to quickly bring health to those who are sick. These mentioned solutions have now become the Health Sacraments of our Church, and they alleviate much of the world’s suffering and prevent many deaths.“

 

Miracle Mineral Supplement, kurz MMS

ist eines und zwar das vorwiegend verkaufte „Sakrament“ dieser „Kirche“. Es gilt als die Entdeckung von Jim Humble. Mit diesem Mittel sollen sich unzählige Krankheiten heilen lassen. Auch Autimus kommt in der Auflistung vor. In den christlichen Kirchen sind Sakramente Heilszeichen, die zumindest nicht dafür vorgesehen sind, Geld damit zu verdienen. In jener Sekte sind der Verkauf von MMS, Seminare über die Behandlung mit MMS etc. die Haupteinnahmequelle!

MMS? War da nicht mal etwas darüber im Fernsehen? Ja.
Am 05.06.2014 in der ARD-Sendung Kontraste
Wenig später, am 26.06.2014, erfolgte eine Art Nachtrag
Und bisher zuletzt am 16.04.2015 ebenso bei Kontraste
Auch durch Behörden wurde schon vor MMS und einer möglichen Verwechslung des angeblichen Wundermittels mit einem Medikament gewarnt:
In der Schweiz
Und in Deutschland

Auf die chemischen Hintergründe von MMS will ich hier nicht weiter eingehen. Dazu existieren genügend Informationen an anderen Stellen. Als Einstieg bietet sich der Wikipedia-Artikel über Natriumchlorit im Abschnitt Missbräuchliche Verwendung an.

Ach, man kennt es ja irgendwie schon von Uriella, die nicht nur Leitungswasser zu überteuerten Preisen verkaufte, sondern auch eine Kochsalzlösung als Heilmittel gegen alles (Un)Mögliche anbot und deswegen Probleme mit dem Gesetz bekam.
Während es jedoch bei Fiat Lux nur Athrum-Wasser und Äther-Ampullen waren – was eigentlich schon schlimm genung ist -, wird das deutlich giftigere MMS beim „Erzbischof“ Jim Humble und seiner „Kirche“ gleich zu einem „Sakrament“.

Es ist mir eigentlich egal, ob sich die Anhänger von Jim Humbles Sekte mit diesem „Sakrament“ kaputtätzen. Leider ist es jedoch so, dass Eltern ihren Kindern MMS verabreichen, um diese zu heilen!

Neben dem Online-Vertrieb ihres „Sakramentes“ MMS und regionalen Verkaufsveranstaltungen – wie die Berichte von Kontraste und die behördlichen Warnungen zur Genüge zeigen, ohne jedoch auf den Pseudokirchen-Hintergrund einzugehen – ist die Sekte mit einer weiteren Aktion im deutschsprachigen Raum präsent.
Es findet in Kassel vom 24. bis 28. April 2015 eine Veranstaltung statt namens

Spirit of Health

Und nicht das erste Mal, nachdem im vergangen Jahr eine vergleichbare Veranstaltung in Hannover über die Bühne ging.

Wer möchte nicht von der Kraft der Gesundheit profitieren? Profitieren wird finanziell jedoch nur die Sektenleitung um den „Erzbischof“ Jim Humble, denn das Ganze ist weiter nichts als eine Werbeveranstaltung zum Vertrieb von MMS und anderen dubiosen Produkten – pardon „Sakramenten“.

In anderen Ländern hat man schon mitbekommen, was sich hinter dieser Veranstaltung verbirgt. Die Sekte musste schon eine Station ihrer „Spirit of Health“-Werbetour steichen, in Leeuwenhorst (Niederlande):
Wegens omstangigheden kan het Spirit of Healt Congress helaas niet doorgaan (Übers.: Infolge der Umstände kann der SoH-Kongress nicht stattfinden). Und in Brighton (England) steht das Spektakel auf der Kippe, da der Sekte niemand einen Konferenzraum zur Verfügung stellen möchte.

In Kassel tut man sich schwer damit, den unterschriebenen Vertrag zu kündigen und befürchtet rechtliche Schritte der Sekte bzw. ihrer Strohleute dagegen. Wengleich die CDU-Opposition im Stadtrat eine härtere Gangart fordert. Man tut sich anscheinend keinen gefallen damit, die Angelegenheit auszusitzen, denn das Image von Kassel leidet jedenfalls darunter.

Und auch in anderer Hinsicht hat sich schon etwas bewegt: Der Humble-Jünger Andreas Ludwig Kalcker – der zwar in Deutschland nicht öffentlich als „Bischof“ auftritt, jedoch sektenintern als solcher tituliert wird – hat wie einige andere Werber seinen in einer Titelmühle gekauften Doktorgrad auf der „Spirit of Health“-Website auf Druck hin abgelegt.

 

Schaut man sich an, wer sonst noch alles als Referent für jene Veranstaltung in Kassel vorgesehen ist, fällt eine Person auf:

Teresa Forcades i Vila OSB

Terese Forcades i Vila ist eine aus Katalonien stammende Theologin und Ärztin. Ihre akademischen Würden sind immerhin echt. Der sie ereilende Ruf nach benediktinischer Kontemplation hat sie jedoch nicht daran gehindert, weiterhin ihre Positionen lautstark zu vertreten. Neben ihrer Haltung zu MMS als Heilmittel bei Malaria und Ebola vertritt Teresa Forcades i Vila OSB auch das Recht der Frau auf Abtreibung und die „Pille danach“. Dies brachte sie bereits in Konflikt mit der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens im Vatikan.

Eine obskure und der kirchlichen Lehre widersprechende Benediktinerin macht gemeinsame Sache mit dieser Sekte, die sich selbst als „Kirche“ bezeichnet und sich durch ihr ätzendes Heilmittel als „Sakrament“ finanziert? Ja.

Nun, Teresa Forcades i Vila OSB: Abtreibungsbefürwortung und Unterstützung für eine Sekte.
Wo man schon so mit Häresien liebäugelt ist oftmals die Apostasie nun wirklich nicht mehr weit entfernt!

 

Ich danke dem Theologen und Journalisten Dr. Klaus Schlupp für seine Anmerkungen zum Text im Entwurfsstadium.

Formal

Auf dem Weblog NT trifft Aspie erschien am 19.04.2015 der Beitrag
„Hallo und guten Tag“
mit dem Textbeginn:

„Neulich fragte mich ein Aspie, warum ich ihn in Emails immer noch begrüße. Ich musste überlegen.“

Ich würde diese Frage nie stellen. Die Chance ist leicht grösser, dass ich mich sogar beschweren würde, warum nicht eine Form eingehalten wird, in der es nicht wenigstens „Hallo“ heisst, wenn man mich persönlich und direkt anspricht oder anschreibt. Dabei stehe ich selbst mit „Hallo“ etwas auf dem Kriegsfuss. Nicht unter Freunden. Ich mag es nur nicht, wenn ich im heimatlichen Ravensburg und Umgebung irgendwo einkaufe und eine mich bedienende und mir nicht näher bekannte Person schleudert mir ein „Hallo!“ entgegen. Da erfolgt meine Antwort eigentlich immer mit dem in der Region traditionellen „Grüss Gott!“

Als Bibliothekar mit einer Spezialisierung im Bereich der Formalerschliessung bin ich ein sehr formal denkender Mensch. Aber auch als jemand, der auf eine lange persönliche Zeit mit ehrenamtlicher Tätigkeit in der Kirche zurückschauen kann. Liturgie ist eine sehr formale Angelegenheit. Wer kennt nicht den Spruch „Es ist doch jeden Sonntag immer gleich in der Kirche!“ Ja und Nein. Die liturgische Form gibt den feststehenden äusseren Rahmen, der mit Inhalten zu füllen ist. Ich bin jemand, der nach dem 2. Vatikanischen Konzil mit der darauffolgenden stark veränderten Liturgie aufgewachsen ist und ich habe meine Heimat im heutigen römische Ritus gefunden. Es kann aber auch eine andere als die vorwiegend durchgeführte Form mal ganz reizvoll sein. Ich habe einmal aus Neugier eine Tridentinische Messe (1962er-Ritus, die sogenannte ausserordentliche Form) besucht und ich war auch schon in Messen nach dem byzantinischen Ritus. Aber jeder Ritus ist für sich auch wieder eine Form. Ritus hängt mit Ritual zusammen – und viele Autisten lieben Rituale.

Ich stelle auch bei mir fest, dass ich z.B. in Abläufen gewisse Formeln idealerweise niedergeschrieben brauche, weil ich sonst dazu neige, sie zu vergessen:
– „Wort des lebendigen Gottes“ am Ende der Lesung habe ich verinnerlicht. „Der Leib Christi“ bei der Kommunionausteilung ist auch keine Schwierigkeit. Automatismen, die durch hohe Routine erworben werden, sind kein Problem.
– An Gründonnerstag wird bei uns unter beiderlei Gestalt die Kommunion ausgeteilt. Dieses Jahr war ich Kommunionhelfer und hatte den Kelch in der Hand. Da habe ich doch anfangs glatt „Das Blut Christi“ vergessen zu sagen. Danke an unseren Pfarrer, der mich darauf aufmerksam gemacht hat. Es ist halt bei uns nur einmal im Jahr.
– Wie lautet es nochmals an Aschermittwoch? Das ist auch nur einmal im Jahr und dieses Jahr war es für mich das erste Mal, dass ich das Aschekreuz mitausgeteilt habe: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst“. Puh, dieses sich bei der damit verbundenen Aufregung zu merken, ist auch nicht einfach. Vor allem, wenn ca. 15 Minuten vor Beginn der Messe die Entscheidung fällt, ich könnte da gut mithelfen.
– Als ich in meiner letzten Wort-Gottes-Feier die Einleitungsformel „Lasset uns beten“ vor dem Tages- und Schlussgebet nicht in den Ablauf hingeschrieben hatte, habe ich vergessen, sie zu sagen. Ich habe mich im Nachinein sehr darüber geärgert.
Es ist aber nichts, wo durch hohe Routine die Schwierigkeiten beseitigt würden, wie die ersten beiden Beispiele zeigen.

Das ist dieses für Asperger-Autisten nicht untypische Sich-nur-auf-eine-Sache-zugleich-konzentrieren-können. Man spricht mitunter verkürzt auch von einem parallel geschalteten Hirn. Die Multitasking-Fähigkeit von Asperger-Autisten ist dementsprechend auch eingeschränkt. Bevor jetzt jemand ankommt, es sei ja generell so, dass Frauen Multitasking eher als Männer könnten – tja, nicht umsonst wurde in Bezug auf Autismus die Extreme Male Brain Theory von Simon Baron Cohen entwickelt.

Mir ist es leider auch bei Vorstellungsgesprächen im Beruf schon so gegangen, dass ich dann bei der Verabschiedung die Namen der Gesprächsteilnehmer nicht mehr präsent hatte. Was mir sehr peinlich war. Ein ärgerlicher Fauxpas. Nicht nur, weil er einem alles ruinieren kann.

Es kann mir auch passieren, dass ich Leute übersehe und sie deswegen nicht grüsse. Das kann mich auch ärgern. Aber ob das jetzt so Autismus-typisch ist?

Da der Blogger von NT trifft Aspie im IT-Bereich arbeitet, hege ich die Vermutung, dass es so, wie er in seinem Beitrag angibt, eher typisch für Menschen in diesem Umfeld ist – sogar recht unabhängig davon, ob Autist oder NT. Es handelt sich wohl mehr um eine IT-Nerd- als um eine Aspie-typische Sache.

Nein, ich bin nicht der, der es komisch findet, dass sprachliche Formalitäten verwendet werden, normalerweise schätze ich sie sehr. Und E-Mails sind für mich elektronische Briefe und stehen ihrem Papierpendant näher als die ebenfalls elektronischen Kurznachrichten.

Und ich stelle für mich auch wieder fest, ich mag dieses Klischee nicht sonderlich:

Asperger-Autist = IT-Nerd

Nein, nicht jeder Asperger-Autist ist ein IT-Spezialist und nicht jeder IT-Nerd mit seiner etwas verschrobenen Persönlichkeit gehört deswegen gleich ins Spektrum. Ich will noch nicht mal ausschliessen, dass es auch bzgl. Autismus-Spektrum-Störung zu dem Phänomen kommt, dass schrullige Typen sagen: „Ich habe zwar keine Diagnose und die brauche ich nicht, aber mir ist klar, dass ich Asperger-Autist bin. Ich passe ja ins Schema, ich arbeite unter anderem auch in der IT-Branche.“ Sie weisen aber ansonsten keine weiteren deutlich zu Tage tretenden Komorbiditäten auf. Aha! Soetwas nährt jedoch leider nur das dumme Gerede von der Mode-Diagnose Autismus.

Nach Rain Man scheint mir IT-Nerd leider das nächste falsche Klischee über Autisten zu sein.

Es ist gut, dass es grosse Firmen wie SAP oder vor kurzem sogar Microsoft gibt, die Stellen entsprechend den Anforderungen für Menschen im Spektrum schaffen.
Es ist gut, dass kleinere Firmen wie Auticon, Asperger-Informatik und ähnliche existieren.
Es ist auch richtig, dass in den Medien darüber berichtet wird.

Ja, ich kann mir einen PC aus Einzelteilen zusammenbauen und Betriebssystem sowie Programme installieren.
Ich habe jedoch ein Fachhochschulstudium im Bibliothekswesen absolviert und mich in der Diplomarbeit mit historischen Landkartendrucken beschäftigt. Ich habe ein postgraduales Universitätsstudium für historische und Sondermaterialien absolviert und in der Diplomarbeit ein komplexes Thema in einer neuzeitlichen Handschrift aus klösterlicher Provenienz behandelt. Ich habe einmal drei Semester Theologie studiert, war Ministrant und bin heute Lektor und Kommunionhelfer. Ich liebe Printmaterialien wesentlich mehr als E-Books. Ich bin autistisch – aber ich bin kein IT-Nerd!

Ich habe über ein paar Facebook-Gruppen Kontakt mit vielen verschiedenen Menschen aus dem Spektrum, die in vielen unterschiedlichen Berufsfeldern tätig sind. Es gibt unter ihnen tatsächlich diejenigen, die einen sehr ausgeprägten IT-Bezug besitzen, wie z.B. Mela Eckenfels. Es gibt natürlich Aspies, die auch IT-Nerds sind. Es gibt aber mehr IT-Nerds, die nicht autistisch sind.

Asperger-Autisten findet man in vielen verschiedenen Berufen, wie auch zwei Beispiele von etwas prominenteren Personen zeigen:
Christine Preißman, Ärztin
Peter Schmidt, Geophysiker
Und nach meiner Meinung gibt es sie mehrheitlich sogar ausserhalb der IT-Branche. Dazu existiert ein schönes Comic-Bild von Daniela Schreiter alias Fuchskind – noch jemand mit Asperger-Syndrom, der beruflich nicht in der IT-Branche ist.

Und wer weiss, womöglich gibt es auch im römisch-katholischen Klerus den einen oder anderen Asperger-Autisten?